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Ein Grundstock
zu einer geologischen Lehrsammlung der Mark.
Von Dr. Quenstedt, Berlin.
Der im folgenden gemachte Versuch hat sich ein enges und gleichzeitig weites Ziel gesteckt. Er soll nicht nur zeigen, was man in einer geologischen Sammlung aufhebt, sondern vor allem, was man aus dem einzelnen Stück lernen kann. „Wir. . müssen. . dringend dazu erziehen, jedes Stück genau zu betrachten." Dieses Wort Solgers gilt nicht nur für das geologische Heimatmuseum, es gilt auch für jeden geologischen Gegenstand, der nach Hause getragen wird. Soll er die Freude am Verstehenlernen der Natur wecken, so muß sich mindestens ein erdgeschichtlicher Begriff an ihn knüpfen. Die bloße Sammel- und Besitzerfreude erlahmt sonst bald und das Stück wird zum lästigen Platzverschwender. Die Mahnung Solgers, daß das geologische Heimatmuseum „nicht den Zweck.. hat, Seltenheiten zu sammeln, sondern das Alltägliche verständlich zu machen", kann auch für unfern bescheideneren Zweck nicht eindringlich genug erschallen. (Vergl. die Erläuterung beim seltenen, geologisch bedeutungslosen Zölestin mit der beim gemeinen Gips!). Das Handstück soll der Ausdruck eines geologischen Vorgangs oder Zustandes oder seines erdgeschichtlichen Alters sein. Aber es soll und kann weder das Studium in der Natur noch das des Lehrbuches oder gar der Spezialliteratur ersetzen. Die Erläuterung soll jedoch darauf Hinweisen: Der Begriff ist im Lehrbuch nachzuschlagen und in der Spezialliteratur weiter zu verfolgen, die im Stück verkörperte Erscheinung will dazu anregen, das in der Natur Geschaute zu vertiefen und draußen aufs Neue anfzusuchen.
Die wenigen, auf Wanderungen im Laufe eines Sommers gesammelten Stücke (nur einzelne entstammen den Beständen des geologisch-paläontologischen Instituts der Universität in Berlin) sind als Grundstock für eine erdgeschichtliche Lehrsammlung der Mark gedacht, die ihrerseits weiterhin dem Rahmen eines geologischen Heimatmuseums einzufügen wäre. In eine solche Sammlung gehören aber keine Prunkstücke, sondern in erster Linie solche, an denen das Wesentliche möglichst gut zu erkennen ist. Und da ist ein Bruchstück oft viel geeigneter als ein Schaustück. Deshalb ist eine lehrreiche Bruchfläche, die vielleicht gerade das Wichtigste zeigt, ja nicht zu verkleben! Auch die Lupe ist beim Studium einer Lehrsammlung immer fleißig zu benutzen, weshalb vor dem Hinweis ans Verhältnisse, die erst mit der Lupe deutlich werden, nicht zurückgeschreckt wurde. Ueberhaupt ist es Grundsatz einer Lehrsammlung gegenüber einer Schausammlnng: Je öfter das Stück von: Lernenden in die Hand genommen wird, um so eher erfüllt es seine Aufgabe. Die Erläuterungen umgehen, sollen sie ihren Lehrzweck erfüllen, absichtlich nicht die Schwierigkeiten, die der Gegenstand und die angestrebte Genauigkeit der Abfassung mit sich bringen: Das ist ein schlechter Lehrer, der den Schüler nicht auf die Schwierigkeit aufmerksam macht!
Noch ein kurzes Wort über die Anordnung der Sammlung! Da der Nachdruck der Erläuterungen auf allgemeine Gesichtspunkte gelegt ist, könnte es zweckmäßig erscheinen, eine solche Lehrsammlung ganz auf allgemein geologischer Grundlage aufzubauen. Dann würden aber Wiederholungen unvermeidlich, die Handstücke von organogenen Gesteinen z. B. könnten sich bis zum lleberdrnß zusammendrängen. Legt man aber die historische Folge erdgeschichtlichen Geschehens der Sammlung zugrund, dann löst sich die Schwierigkeit: Die Wiederholung ein und desselben Vorgangs zu verschiedenen Zeiten in immer neuem Gewand wird zur anregenden Abwechslung statt zur ermüdenden Gleichförmigkeit. Vor allem aber erzielt man durch eine solche Anordnung zwei große praktische Vorteile: Die historisch-geologisch geordnete Sammlung ist leichter zu überblicken, ein neues Stück ist ihr meist mühelos einzureihen und außerdem: Für den Laien ist geschichtliches Geschehen ein vertrauter Begriff, während die allgemeingeologischen Grundlagen einer Sammlung ihm erst durch das Studium bekannt werden müssen. Dennoch kann keine Rede davon sein, daß mit einer solchen