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Die Bedeutung der Prignitzer Sagen und ihre Stellung in der deutschen Geschichte und Mythologie.
Von E. Müller, Blesendorf.
Die Prignitzer Sagen scheiden sich deutlich in zwei Gruppen: solche geschichtlichen und solche mythologischen Inhaltes. Die geschichtlich orientierten Sagen rollen vor uns noch einmal die gesamte Geschichte der Prigintz aus. Von der fernen Vorzeit her bis in das vorige Jahrhundert hinein sind wichtige Ereignisse und Begebenheiten mit Sage und Spukgeschichten umsponnen worden. Seltsam mutet es uns an, feststellen zu müssen, daß der wirkliche Kern geschichtlicher Tatsachen meistens bei der Bevölkerung verloren gegangen ist, jedoch in der Phantasie und dem Aberglauben in irgendeiner Form sagenhaften Charakters sich erhalten hat. Besonders tritt dies hervor, wenn wir die Geschichte der Germanen in der Prignitz überblicken. Von den germanischen Stämmen, die einstmals das Land zwischen Elbe, Havel, Stepenitz und Doste besiedelten (Jrminonenbund: Semnonen und später Langobarden^), meldet uns die Chronik verschwindend wenig. Nur aus den reichlichen Bodenfunden wissen wir, wie glanzvoll, ruhmreich und bedeutend das Germanentum mit seiner hohen kulturellen Entwicklung auch in unserer Prignitz gewesen ist?) Stumme Zeugen einer uralten Kultur haben bis heute noch die Kraft, uns zur Ehrfurcht zu bewegen. Stehen wir an solchen Denkmälern ans der Zeit altgermanischer Kulturhöhe, dann zieht ein leises Raunen durch die Luft und wir ahnen, wie wunderbar Wirklichkeit und Glaube Zusammenwirken. Da sind nun noch Kulturreste vorhanden, die in die ältesten Zeiten Prignitzer Besiedlung zurückreichen: „Das Hünenbett bei Mellen" ft und „die Brotsteine im Token bei Ellershagen".ft Beides sind die Ueberbleibsel von Grabanlagen, wie sie in der jüngeren Steinzeit üblich waren. Innerhalb des umfriedeten Steinbezirkes ruhte der Tote, ein Würdiger seines Stammes. Das Volk ist verschwunden, aber das Werk steht noch nach den 4 bis 5 Jahrtausenden, von der Bevölkerung mit Sagen umwoben, die z. B. bei Mellen in der Gestalt von „begrabenen Riesen" teilweise der Wirklichkeit entsprechen. Der Riese gehört in die germanische Mythe. ^ So stellt uns die eine Sage über das Hünenbett den wirklichen Kern ganz allgemein — mythisch dar, während eine zweite voll bewußt einen „Germanen"-Häuptling dort bestattet wissen will, dagegen die dritte Variante sogar Personen mit Namen handelnd auftreten läßt, die edelste und beachtenswerteste Form der deutschen Sage. (Leider ist die Zeitstellung der beiden letzten Sagen recht verwischt und verschwommen; einmal ist es eine Unmöglichkeit, daß der Germane der Steinzeit gegen die Wenden gekämpft haben soll, und zum andern ist eins Datierung direkt in die Wendenzeit gegen die Geschichtswissenschaft, ft Es scheint hier ein durch die mündliche Ueberlieferung entstandener Irrtum in den Perioden Germanenzeit — Wendenzeit vorzuliegen.) — In seiner großen Bedeutung verkannt sind die Reste eines Dolmengrabes bei Ellershagen, von dem nur noch die drei Tragsteine vorhanden sind, der Deckstein fehlt, ft Die drei Steine sind in den umliegenden Dörfern jedem bekannt. Die Leute erzählen sich aber eine für die Stelle ganz unmögliche Sage: „Mehrere Kinder hüteten einmal an einem Sonntag im Token in der Nähe der Dömnitz Pferde. Da sie des Spielens überdrüssig waren, suchten sie sich anderen Zeitvertreib. Aus dem Brot, das die Kinder bei sich hatten, formten sie Kugeln, aus dem Käse Kegel. So ging das Spiel an. Da verfinsterten Wolken den Himmel. Ein Gewitter zog herauf. Plötzlich flammte es hell auf, ein Blitzstrahl tötete die Kinder und versteinte sie zugleich. Gott hatte die Frevler bestraft." Es läßt sich hieraus erkennen, daß bei dem Volk nur eine leise Ahnung geblieben war. daß die Steine wichtiges bedeuteten. (Auch hier wieder Verschleierung der ursprünglichen Bedeutung durch die Sage: Verlegung in die christliche Zeit.)