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Weber Land und Weer.
Sensationsroman „Fromont junior und Risler senior" (1876, im gleichen Jahre auch deutsch erschienen). Jedes neue Werk des aufstrebenden französischen Romanciers war hinfort gleichbedeutend mit einem litterarischeu Ereignis. In rascher Folge entstanden von 1876 au „Jack", „Der Nabob", „Die Könige im Exil", „Sappho" und „Der Unsterbliche". Einer späteren Schaffenszeit gehören an „Tartarin in den Alpen" und „Port Tarascon". Für die Bühne schrieb Daudet eine Reihe von Lust- und Schauspielen, wie „Life Tavernier" und „Das Mädchen von Arles", ebenso dramatisierte er die Romane „Fromont junior" und „Jack", doch war er ans diesem Gebiete nicht sonderlich glücklich, am wenigsten in den: Schauspiel „Das Hindernis", in dem er sich parodistisch gegen Ibsen und dessen dichterische Schnfsensweise wandte.
Daudet giebt uns die Geschichte seiner bis 1886 entstandenen Werke in seiner autobiographischen Skizze mit ebenso viel Freimut wie Genauigkeit. Keiner, der die besseren seiner Arbeiten kennt, wird erstaunt sein, wenn der Dichter selbst sich mehr Beobachtungstalent als Erfindungsgabe zuschreibt. Er gesteht ein, das; nur sehr wenig bei ihm ans freier Erfindung beruht. Was er beschreibt, das hat er in den meisten Füllen auch vor Augen gehabt. Er studiert das „menschliche Dokument" mit der Exaktheit eines wissenschaftlichen Forschers, er photographiert seine Umgebung und bringt dann das Ganze in ein Buch, dabei nur hie und da bezüglich der Namen und Nebennmstände eine leichte Aenderung treffend. Der alte Risler und der junge Fromont sind Persönlichkeiten, die wirklich gelebt haben. Der Elsässer (den er zu einen: Schweizer gemacht hat) war eine Jugenderinnerung des Dichters. Delobelle und Sidonie waren Gestalten ans seiner nächsten Umgebung. Der Held des „Jack" hat einen Sommer gemeinschaftlich mit ihm verlebt. Tartarin allerdings, die beste von Dau- dets Gestalten, ist freie Erfindung, doch ist der Dichter freimütig und liebenswürdig genug, zuzugestehen, daß er, als er seine erste größere Reise machte und sich in Algier dem Sport der Löwenjagd hingab, selbst so eine Art von Tartarin gewesen ist.
Es gehört wesentlich zu Daudets Methode, Scenen und Episoden des wirklichen Lebens mit einer Naturtreue wiederzugeben, die selbst von Zola nicht übertrosfen wird. Gleich Dickens, mit dem er sich gerne vergleichen hörte, liebte er es, sich tage- und wochenlang unerkannt unter den Heimstätten der „Enterbten der Gesellschaft" umherzutreiben. Wie man es den besseren der zeitgenössischen französischen Schriftsteller zu ihrem Ruhme nachsagen muß, nimmt er es stets durchaus ernst mit seiner Aufgabe. Es mag sich viel gegen den modernen französischen Roman eiuweudeu lassen, das aber kann niemand in Abrede stellen, daß seine Urheber mit ganzem Herzen bei der Sache sind und weder Zeit noch Arbeit scheuen. In dieser Hinsicht kann es nur als der Nachfolge würdig hingestellt werden, wie sorgfältig Daudet zu Werke ging, und was für eine schwere Vorarbeit er zu leisten hatte, bevor er seinen „Jack" niederzuschreiben begann. Er verbrachte Wochen auf der Loire-Insel Judret, trieb sich in den Werkstätten umher, fuhr Tag und Nacht den Fluß hinauf und herunter und unterhielt sich mit den Arbeitern, Schiffern und Bauern, dabei gewissenhaft das Ergebnis seiner Beobachtungen und Erfahrungen zu Papier bringend. Dann stellte er ähnliche Beobachtungen unter der Arbeiterbevölkerung von Paris an. Die eigentliche Ausarbeitung des Buches nahm ein volles Jahr angestrengter Thätigkeit in Anspruch, und sie würde noch länger gewährt haben, wenn der Verfasser nicht vertragsmäßig verpflichtet gewesen wäre, das Werk vor Ablauf des genannte!: Zeitraums zur Veröffentlichung in einer Zeitschrift abzuliesern. Diese Verpflichtung, sagt er, sei er eingegangen, um einen stichhaltige!:
Grund zur Bekämpfung des tyrannischen Verlangens nach „Nachbesserung" zu haben, das den Künstler zu beständigem Ausfeilen und Ausglätten treibt und ihn nicht selten zwingt, eine einzige Zeile zwanzigmal in andrer Fassung nieder- zuschreiben. Es würde interessant sein, zu erfahren, wie viele der Heutigei: Nomanverfertiger das Bedürfnis empfinden, gegen eine derartige Schwäche anzukümpfen.
Daudet hat sich indes nicht umsonst diese Mühe gegeben. Die Romane seiner späteren Schaffensweise werden möglicherweise mit den: Niedergange der Moderichtung, der sie ihre Entstehung verdanken, an Interesse einbüßen, doch wird diese Einbuße sich jedenfalls nur auf ihren Stoff beschränken. Daudets vornehmer und anschaulicher Stil und die lebendigen Bilder des Lebens aus der Zeit des zweiten französischen Kaiserreichs werden ihm aller Voraussicht nach eine der ersten Stellei: unter den französischen Schriftstellern der uachromantischen Epoche sichern. Es sind seit dein Aufkommen der „neuen" Richtung wenige Romane geschrieben worden, die eine gleiche Meisterschaft wie „Risler senior und Fromont junior" zu erkennen geben.
In Deutschland namentlich wird das Andenken ai: den französische!: Romancier nicht so leicht untergehen. Ter Zug des Gemütvollen, der sich nebst den: eines liebenswürdige!: Humors durch alle seine Werke zieht, heimelt den deutsche!: Leser unwillkürlich an. Auch dein jüngsten Werke des Dichters, das wir nunmehr als seinen Schwanengesang zu bezeichnen vermögen, dem Roman „Die Stütze der Familie", werden diese Züge nachgerühmt. Wie die Leser dieser Blätter aus den „redaktionellen Bemerkungen" ersehen haben werden, wird dieser Roman in dem demnächst beginnenden neuen Jahrgang der im Verlage der Deutschen Verlags-Anstalt erscheinenden Halbmonatsschrift „Aus fremden Zungen" in unmittelbarem Anschluß an Emile Zolas neuen Roman „Paris" zur Veröffentlichung kommen. G. Hoff.
Das Dazit 1897.
Eine Turf-Plauderei
VON
Adslf SNsirlre.
wäre zu viel gesagt, wem: man behaupten wollte, daß in unfern: deutsche!: Rennbetriebe alles so ist, wie es sein sollte. Immerhin aber läßt sich bei einen: Rückblick auf die abgelaufeue Saison sowohl in Bezug auf die Rennerfolge als auch auf die züchterischen Fortschritte konstatieren, daß die seit einigen Jahren zu beobachtende Hebung unsers sportlichen Lebens in erfreulicher Weise weiter fortschreitet. Die Zahl der Rennen hat bedeutend Angenommen, und eine weitere Vermehrung steht für das nächste Jahr bevor. Zu den vor zwei Jahren angelegten Rennbahnen in Chemnitz und Halle sind in diesem Jahre die von Elmshorn und Horst-Emscher getreten. In Münster und Fürstenwalde werden ebenfalls neue Bahnen angelegt, und auf andern älteren Bahnen, aus denen bisher das Unkraut wucherte, beginnt neues, frisches Leben zu pulsieren.
Angesichts dieser vielversprechenden Thatsachen dürfte ein Rückblick auf das abgelaufene Jahr um so mehr an: Platze sein, als sowohl unsre Pferde als auch unsre Reiter nicht nur an sich, sondern auch der Auslandskonkurrenz gegenüber sehr ehrenvoll abgeschuitten haben.
Werfen wir zunächst einen Rückblick auf die Erfolge der deutsche!: Reunställe, so tritt uns in erster Linie das königliche Hauptgestüt Graditz entgegen, das mit seinen Gesamtgewinne!: von nahezu 400 000 Mark einen fast beispiellosen Erfolg erzielte. Allerdings hatte der fiskalische Stall nicht ein einziges Pferd von überragender Klasse ins