Heft 
(1897) 07
Seite
179
Einzelbild herunterladen

179

Eine Künstlerfahrt nach Kalö-Lsien.

Ein dämonisches Lächeln umspielte seinen Mund. Kein Funken Güte darin. Dann spuckte er aus.

Die Spatz hatte sich mit Mecerinos Hilfe auf die Bühne geschwungen, eine etwas merkwürdige Auffahrt, die unter Gelächter und Gequietsche vor sich ging und mich bewog, lieber den normalen Aufgang Zu benutzen.

Der normale Aufgang war eng und dunkel. Isidor geleitete mich. Zuerst durch eine Seitenthür des Saales, die auf einen dunkeln Rundgang führte, dann einige Zwischen engem Bretterwerk sich windende Stufen aufwärts dunkelste Nacht, ein Lichtschimmer durch ein rundes Löchelchen. Cohn quetschte seinen Arm an mir vorbei, drückte auf einen Knopf vor uns lag taghell die Bühne.

Die Spatz und Mecerino standen am Flügel. Er wollte sich totlachen, und sie hielt uns ihre zehn gespreizten Finger degoutiert entgegen.

Haben Sie den mal als Schmalzkiste benutzt?" fragte Mecerino.

Cohn wischte mit der gekrümmten Hand über die glänzende Fläche, die thatsächlich von Fett triefte, und murmelte:'n bißchen viel!"

Na, aber 'n bißchen sehr viel. Was haben Sie denn damit gemacht? Man wird zum Fettfleck, wenn man sich nur dran stößt."

Isidor warf sich in die Brust.

Ich Hab' ihn abreiben lassen mit Oel."

Ei gar!" rief die Spatz.Mein Gutster, warum denn das?"

Da ist er geworden wie neu. Wie neu!"

Mit einem Blick innigsten Stolzes umfaßte er den Flügel, den die Spatz voll Entsetzen anftarrte.

Ja ist er denn nicht neu?" fragte sie end­lich. Sie war gewöhnt, in Konzerten nur tau­frische Instrumente zu benutzen.

Nu so ganz neu ist er nicht," entgegnete Cohn, mit einem Gesicht, als hielte er einen neuen Flügel überhaupt für eine Beleidigung.Es ist doch der Flügel von der Goldstein, den der Levison vor drei Jahren gekauft hat auf der Auktion.

Wenn das nur kein ausgedientes Roß ist," murmelte die Spatz düster und wollte öffnen. Aber der Deckel widerstand. Sie trat zurück.Bitte, schließen Sie auf, Herr Cohn."

Cohn stutzte.

Ich auffchließen? Wie kann ich aufschließen, wo ich den Schlüssel nicht Hab'!"

Dann beschaffen Sie ihn, bitte. Aber rasch, rasch!" setzte sie befehlend hinzu. Wenn's ihre Kunst galt, hörte der Spaß bei ihr auf.Ich muß das Instrument probieren."

Kann ich nicht beschaffen. Wenn Herr Mecerino ihr keine Visite macht, giebt sie den Schlüssel nicht 'raus."

Mecerino that, als ginge ihn das Konzert gar nichts an. Er wandelte mit seiner schonungs­bedürftigen Kehle schweigsam durch Thaliens heil'ge Hallen, die im Tagesgrauen einen so nüchternen Eindruck machten, daß einen frösteln konnte. Die Stricke, die vom Schnürboden herabhingen, schienen nur Zum Aufhängen lebensmüder Erdenpilger da

oben angebracht. Mecerino sah von Zeit zu Zeit hinauf, als hätte er noch nie unter einem Schnür­boden seinen Lohengrin gesungen, sondern berechne sich jetzt, wie lange Zeit man wohl brauche, um an einem solchen hänfenen Arm seine Seele auS- zuhauchen.

So gehen Sie doch Zur Goldstein, Mecerino, und machen Sie der wütenden Glucke Ihre Auf­wartung," rief ihm Spätzchen heftig zu.Das ist ja eine ganz dämliche Person!"

Er that, als ob er nichts höre.

Mecerino!"

Uns den Rücken kehrend, stellte er sich breit­beinig hin und pfiff den Hintergrund an, der uns angähnte wie eine dunkle Höhle.

Mecerino, bitte, gehen Sie doch," fing ich nun auch zu bitten an.Wir müssen uns vor dem Konzert überzeugen, wie der Flügel steht."

Fällt mir nicht ein. Der Schlüssel kommt uns zu. Und damit basta."

Er verschwand hinter einem Mauerpfeiler.

Isidor wies auf das geölte Symbol des Schweigens.

Sehen Sie 'n doch an . . . stehen thut er richtig."

Pariser Kammerton?" Ich zog meine Stimm­gabel.

Er glotzte mich an, als erwarte er, daß ich ihm damit Zur Ader lassen werde.

Ob er hoch oder tief steht, meine ich." Zu­gleich schlug ich die Gabel auf und führte sie ans Ohr; er folgte meinen Bewegungen mit dem Gesichts­ausdruck eines mißtrauischen Affen. Es schien, als hätte er derartiges noch nie gesehen. Dann blickte er nach den Beinen des Flügels.

Wenn er zu hoch steht, setzen wir 'n runter in den Saal, und wenn er zu tief steht, legen wir unter ein paar Klötzchen. Dazu ist immer noch Zeit."

Die Spatz rang die Hände.

Sie find wohl nicht recht bei Trost! Haben Sie denn noch nie ein Konzert arrangiert?" Dann stürzte sie hinter die Coulissen.Mecerino!" hörten wir sie rufen,Mecerino!"

Es klang immer heftiger. Er schien ihr absicht­lich auszuweichen.

Endlich zerrte sie ihn am Aermel herbei.

Das ist doch zu arg!" rief sie ausgebracht. Ihr Konzert ist es, und Sie kümmern sich den Quark um was. Steckt die Glasphyra irgendwo da hinten in der Dunkelheit? So reden Sie doch ein Machtwort, wenn Sie so 'n Bock sind und keine Visite machen wollen!"

Er griff sich an die Kehle und räusperte sich.

Meine Stimme" quetschte er halblaut heraus.

Ist schonungsbedürftig; jawohl. Aber sehen Sie sich nur die Bescherung mal an! Der Flügel ver­schlossen, Herr Cohn so musikalisch wie wie na, ich hätte beinahe gesagt wie 'n Esel, Sie so stumpf wie 'n. . . Na, so reden Sie doch! WaS soll denn nun werden?"

Mecerino klemmte unter stummem Würgen seiner Gesangsmuskeln das Mouocle ins Auge und gaffte