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Moritz von Reichenbach.
Sie hatte den Kopf gesenkt.
„Ich weiß nicht — es ist wohl besser ich lasse sie alle fort fahren — ich will dann diesen Platz aufsuchen und mir in Gedanken noch einmal die Geschichte des armen Masu wiederholen."
„Und mich wollen Sie verurtheilen inzwischen mit Fräulein Irene — doch, verzeihen Sie, sie ist Ihre Stiefschwester und steht Ihnen vielleicht nahe."
„Nahe? Mir? O nein — doch finden Sie Irene nicht sehr liebenswürdig? Ich denke doch, alle Welt findet das."
„Es ist leider von jeher mein Fehler gewesen, wenig Sympathieen mit »aller Welt« zu haben — indeß, ohne die Vorzüge Fräulein Irenens in Schatten stellen zu wollen, fürchte ich, daß ich Sie um Ihren stillen Platz im Walde beneiden werde. Und Neid ist eine schlechte, den Charakter verderbende Regung. Wollen Sie mir dieselbe nicht ersparen, gnädige Frau?"
Frau Eva lächelte erröthend. Sie schien unschlüssig.
Durch den Wald herauf klang das Läuten der Mittagsglocken.
„12 Uhr," ries Frau Eva, „so lange bin ich nie im Walde geblieben! Man wird mich vermissen und ich werde nicht zu Tisch um halb ein Uhr zu Hause sein können."
„Schadet das etwas?" fragte Horst, verwundert zu Frau Eva aufblickend.
„O, ich lasse mich so ungern aussragen, und ich hasse es, Aussehen zu erregen," erwiederte sie eilig fortschreitend.
„Wir könnten in 15 Minuten bei der Villa Schellen sein, wenn wir, anstatt den vielen Krümmungen des Weges zu folgen, direct über die Schonung Hinabstiegen," sagte Horst. „Der Weg ist freilich etwas steil" —
Sie blieb kurz stehen und blickte hinab.
„Gehen wir," entschied sie.
Horst reichte ihr die Hand, die sie annahm, und beide begannen hinabzusteigen, bald langsam, von einem Stein aus den andern tretend, bald in schnellem Lauf über kleine Wiesen hinabeilend.
Gesprochen wurde dabei fast nichts, nur ab und zu machte Horst seine Begleiterin auf einen losen Stein oder eine besonders glatte Stelle aufmerksam.
Schneller athmend und mit lebhafter gerötheten Gesichtern erreichten sie das Ende des Abhanges und standen aus dem Wege, der in das Bad hinabführte.
„Sie klettern so gut, daß es wirklich Unrecht wäre, wenn sie die Partie ans den grarwn Berg nicht mitmachten," sagte Horst, ihre Hand noch in der seinen haltend. „Wollen Sie nicht mitkommen?"
„Ich -— ja — Sie haben Recht, ich will die
Partie mitmachen," erwiederte sie, noch ein wenig athemlos von dem schnellen Laus.
Er küßte ihre Hand. Sie zog dieselbe fast erschrocken zurück, aber er hatte doch den sanften Druck ihrer Finger gefühlt.
„Auf Wiedersehen also, gnädige Frau, nicht wahr?"
Sie nickte.
„Auf Wiedersehen!"
Er schlug einen schmalen Treppenweg ein, welcher ihn direct in den Hof seines Hauses führte, während sie auf der Straße weiter schritt.
„Nach dem, was Karl Hersall mir sagte, ist sie der Mittelpunkt dieses Familienkreises, " dachte Horst, „und müßte von Rechts wegen unumschränkte Herrin desselben sein. Wie kommt sie zu dieser Abhängigkeit, die sie fürchten läßt, die gewöhnliche Mittagsstunde zu versäumen, und die sie veranlaßt, ihre Bekannten ihrer Familie gegenüber zu verleugnen? Denn sie hat mich bei der ersten Begegnung in ihrem Familienkreise verleugnet, das ist doch klar. Ich bin neugierig, was sie heute thun und ob sie mich wieder als Fremden behandeln wird."
Am Nachmittag ging er hinüber nach der Villa Schellen, wohin die Wagen bestellt waren.
Er fand Frau von Seiger ganz erregt über den Entschluß ihrer Stieftochter, die Partie mitmachen zu wollen. Sie schien eben mit Karl Hersall ihre Meinung darüber ausgetauscht zu haben. Beide traten Horst gleichzeitig mit der überraschenden Mittheilung entgegen, das Erscheinen Frau Evas schnitt aber ihre weiteren Bemerkungen ab.
„Hast Du auch warmes Schuhwerk angezogen?" fragte Frau von Seiger und setzte mit einem Blick auf die Fußbekleidung Frau Eva's hinzu: „ich bitte Dich, Irene, hole die Ueberschuhe, die Eva vergessen hat."
„Aber beste Mama, bei diesem trocknen Wetter ist es ja absolut unmöglich, sich nasse Füße zu machen," sagte Frau Eva abwehrend, doch Frau von Seiger erklärte mit einem gewissen wehmüthi- gen Tonfall, der ihr stets eigen war, wenn sie von oder zu ihrer Stieftochter sprach:
„Wenn man so anfällig ist wie Du, muß man eben einige Rücksichten auf seine Gesundheit nehmen, und da Du darauf bestehst diese Partie mitzumachen, so muß ich wenigstens dafür sorgen, daß dieselbe Dir möglichst wenig schadet. Irene, hole die Ueberschuhe und nimm auch noch ein Plaid für Eva mit.
„Aber Mama" —
„Meine arme Eva, Du weißt, wie besorgt ich stets um Deinetwillen bin. Du hast nicht Irenens Gesundheit. Es ist merkwürdig, was meine Tochter Irene aushalten kann," wandte sie sich an Horst, „nichts schadet ihr, sie hat eine Kernnatur."