Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
28
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28 Skizzen.

leien Einblick erhielten und fie ſpäter oft zum eigenen Vorteile ausnutzten. f

Die Verwilderung der Anſchauungen über Ehre und Sitte war vielfach durch den Eintritt der im römiſchen Recht gebildeten Juriſten in die Regierungen erfolgt. Zuerſt hatten nur die Städte und einige geiſtliche Fürſten die Juriſten zu Regierungsgeſchäften herangezogen; bald aber hatten ſie ſich in allen Kanzleien und in den wichtigſten Amtern eingeniſtet.

Da ſie ſelten als Untertanen des Fürſten, dem ſie gerade dienten, geboren waren, ſo leitete ſie faſt immer Sucht nach Gewinn und Ehrgeiz. Bevor dieſe Juriſten als Richter, Pro­kuratoren, Advokaten und Schreiber das chriſtlich germaniſche Privatrecht zerſchlugen, hatten ſie als fürſtliche Verwaltungs­beamten das alte ſtändiſche und genoſſenſchaftliche Recht unter­graben.); Das edle Recht iſt worden krank, dem Armen kurz, dem Reichen lang, fo ſang das Volk.?)Die Juriſten ſeien Men­ſchen, denen es gegeben wäre, ſelbſt der Erde und den Bäumen zu ſchaden, behauptete der Kardinal Carvajal.)

Auf den hohen Schulen in Pavia und Bologna war den Juriſten gelehrt worden, daß es in Rom nur Herren und Skla­ven gegeben hätte; warum nicht im Reiche, das ſich Roms Namen lieh, ſo mochten ſie fragen?

Nur allzu willig hörten die Fürſten auf ſolche Nutzen ver­ſprechende Rede, und überſahen, daß auch in die Taſchen der HerrenDoktores viel von dem Gelde floß, das die ange­maßten neuen Rechte erbrachten.

) Droyſen, Geſch. uſw. I., S. 255 nach einem Spruch a. d. Lübecker Kanzlei: Jemand ſucht die Gerechtigkeit beim Papſt, beim Kaiſer, umſonſt; bei den Adeligen ſie wiſſen nichts von ihr; bei den Pfaffen, ſie weiſen ihn an den Bauern; was wir armen Bauern von ihr haben gehört, die Richter trugen ſie zu Grabe eben fort.

)Lamprecht, Deutſche Geſch. V, I., S. 103.

Voigt,Georg v. Böhmen, der Huſſitenkönig, Hiſt. Zeit­ſchrift V, S. 442. Sul n