Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
43
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Skizzen. 43

Der Ehrgeiz ſolcher Geiſtlichen war es häufig, mit den reichen Mitteln ihrer Klöſter und Stifte, ihre weltlichen Verwandten an Prunk und Raufſucht zu überbieten.)

Wie ſehr friſches, bürgerliches Blut in den vornehmen Kapiteln nützte und nottat, zeigen einige wenige Fälle, in denen es bürgerlichen Eindringlingen gelang, in ihnen zu Ehren zu kommen.

So hatten ſeit mehr als 100 Jahren in dem ehrwürdigen Kloſter St. Gallen nur adelige Herren als Fürſtäbte ge­herrſcht.?)

Die bitterſte Not, die völlige Verarmung des Kloſters) gebot 1463 die Wahl des Ulrich Röſch, eines Bäckerſohnes. Sein adeliger Vorgänger hatte ihm das einſt hochgeprieſene Stift des iriſchen Einſiedlers völlig verwahrloſt hinterlaſſen, verſchuldet die Güter, verfallen die Gebäude, unbotmäßig die Untertanen, die wenigen Mönche des Kloſters ſittenlos und ungebildet.

Bei ſeinem Tode war das Kloſter, das ſein Vorgänger hatte verkaufen wollen, wieder eine Stätte regſten geiſtigen Lebens; ſtreng lebten die zahlreichen Mönche nach der Regel des heiligen Benedikt. Die Herrſchaft des Kloſters war größer, ihr Beſitzſtand unter dem Schutze der eidgenöſſiſchenOrte ge

1)Hiſt. polit. Blätter, Bd. 48, S. 962:Aber ſeit der Teufel hat den Adel bracht in Kirchenſtaat, ſeit man kein Biſchof mehr will han, er ſei denn ganz ein Edelmann, ſingt Thomas Murner. Den Rückhalt, den dieſe geiſtlichen Herren an ihren mächtigen weltlichen Verwandten hatten, erſchwerte außerordentlich eine Reform der Klöſter.

Vgl. das Wort Geilers v. Kaiſerberg bei Paſtor,Geſch. der Päpſte,

I., S. 389 zitiert:Wie hart wer es dann die Mannclöſter zu reformieren, beſunders da nicht dan Edeler in ſeind und ein großen Anhang haben. 2) Meyer v. Knonau,St. Galler Mitt. Bd. VIII, J. von Arx,Geſch. des Kantons St. Gallen, Bd. II, 291296. 3) 1300 Gulden betrugen die geſamten unverpfändeten Einnahmen des Kloſters.