Skizzen.
Auch die Tonkunſt begann erſt nach der Mitte des XV. Jahrhunderts langſam größere Bedeutung zu gewinnen. Bis dahin hatten„fahrende Leute“, Pfeifer, Fiedler, Trompeter, Trommler, Geiger und Straßenſänger auf Hochzeiten, Kirmeſſen und Faſtnachtsvergnügungen jung und alt, gering und vornehm erheitert oder auf Kriegszügen die Langeweile des Marſches verkürzt. Langſam nur gewann im XV. Jahrhundert das Orgelſpiel Bedeutung.) Gute Lautenſpieler wurden überall geſucht und waren wohlgelitten.
Doch in dieſem Jahrhundert wurde nicht ein Dichter geboren, der ſeine Zeitgenoſſen begeiſtert hätte und deſſen Namen wir auch heute noch mit Ehren nennen könnten; keiner, deſſen Worte ſeine Landsleute aufgerüttelt hätte zum Kampfe gegen die Ungläubigen, zum Widerſtande gegen die drohenden Feinde an den Grenzen des Reiches, zur Einigung und zum feſten Zuſammenhalte untereinander. Kein Künder der geiſtigen Entwicklung, der geiſtigen Reife ſeines Volkes, keiner, den eine Mutter ihrem Kinde hätte zeigen können:„Siehe, dieſes Mannes Lieder haben in jungen Jahren mein Herz ſchneller ſchlagen laſſen, die Macht ſeiner Worte trieb einſt mir Tränen in das Auge.“ Kein Wolfram von Eſchenbach, kein Walter von der Vogelweide ſang dieſer Zeit. Nicht einer lebte, der ſich nur mit Hans Sachs vergleichen ließe.
Die politiſchen Volksdichtungen ſind häufig ganz friſch geſchrieben und meiſt voll eines rührenden Lokalpatriotismus. Sie ſind kulturgeſchichtlich ſo wertvoll, wie minderwertig als dichteriſche Leiſtung.
Die Paſſions⸗ und Antichriſtſpiele, die damals außerordentlich beliebt waren, ſind ebenſo fromm wie naiv und lang
) über die Verbeſſerungen, die gerade damals an der Orgel erfunden wurden, vgl. Ambros, Geſch. der Muſik im Zeitalter der Renaiſſance bis zu Paläſtrina, Bd. III, S. 433434. Über den Orgelſpieler Karl Baumann, von deſſen Spiel Roſenblüth ſagt:„Ein trauriges Herz wird freien Muts“, vgl. Chryſanders Jahrb., Bd. II, S. 70—72. Mendel, Muſikaliſches Lexikon, Bd. VIII, S. 37.