Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
80
Einzelbild herunterladen

80 Skizzen.

Zerſetzungsprozeß und den ſicheren Verfall des ganzen Stan­des aufhielten. N

So ſchien es. In der Tat aber wird ſo wenig einem Ein­zelnem wie einem Stande Hilfe von außen je Rettung bringen können, wenn wirklich jeder innere Halt verloren iſt.

Mochte unter dem weithin ſichtbarem Teile des Adels manche Drohne, mancher Schädling leben, mochten ganze Fa­milien durch den ſchier wahnſinnigen Kleiderluxrus in den Verfall getrieben werden,) fo erſetzte und verjüngte ſich doch dieſe Oberſchicht immer von neuem aus der ruhig auf ſeinen Frohn- und Herrenhöfen lebenden und arbeitenden Maſſe des gemeinen Adels.

Und dieſe weitaus größere, wenn auch wenig hervortre­tende Mehrheit des Adels, war kernhaft deutſch, widerſtands­fähig und geſund.) Dieſe Menſchen waren adelig nicht nur dem Namen nach.

Eine gewaltige, wenn auch nicht leicht bewegliche Macht bildete die große Maſſe des Adels. Wie tief mußte Kaiſer Sig­

mund von den ungeheuren in der Ritterſchaft ſchlummernden Kräften überzeugt ſein, wenn er Rittertum und Bürgertum zu den zwei Grundpfeilern erwählte, auf denen er das Reich von neuem gründen wollte.

Ein feſtes Zuſammengehörigkeitsgefühl, Selbſtbewußt­ſein, echte opferwillige Frömmigkeit lebte in dieſen Kreiſen.

Hier regte es ſich zuerſt, wenn im Oſten oder Weſten der Feind drohte.)

) Im Jahre 1485 erließ der Adel Bayerns, Frankens, Schwa­bens und vom Rhein Beſtimmungen, die ſich ſcharf gegen dieſen Luxus wendeten:Eine Edelfrau ſollte von nun an zum Turnier nicht mehr wie vier geſchmückte Röcke anziehen, unter denen aberkein goldenes Stück oder ganz Perlinrock ſeien ſollte. 0

) von Buchwald, Deutſches Geſellſchaftsleben, I., S. 111.

O, 5 Deutſcher Reichstag unter Kaiſer Sigismund a. a.