Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
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Skizzen. 89

ger Edler oder Prälat dieſe Entwicklung um ein halbes Jahr­hundert beſchleunigt hatte.

Wie weit dieſe Verſchlimmerung bereits i. J. 1485 auch in dem geſegneten Franken unter einer immerhin menſchlichen Herrſchaft gediehen war, zeigen die Worte des Markgrafen Albrecht:Wo einer übrig hat mehr denn ſein Auskommen, Jo haben 50 kaum das Brot zu eſſen, das fie täglich bedürfen.) Noch trüber ſchildert wenige Jahre ſpäter Sebaſtian Münſter die Zuſtände auf dem Lande.

Der dritte Stand, jo berichtet er,)iſt der Menſchen auf dem Feld, ſitzen in Dörfern, Höfen und Maierlein und werden genennt Bauern. Die führen ein gar ſchlechtes und niederträchtiges Leben. Es iſt ein jeder von dem andern abgeſchieden und lebt für ſich ſelbſt mit ſeinem Geſind und Vieh. Ihre Häuſer ſind ſchlechte Häuſer, von Kot und Holz gemacht, auf das Erdreich geſetzt und mit viel Streu gedeckt. Ihre Speiſe iſt ſchwarzes Roggenbrot, Haferbrei oder gekochte Erbſen mit Linſen. Waſſer und Molken') iſt faſt ihr Trank. Eine Zwilchgigge,) 2 Bundſchuhe und ein Filzhut iſt ihre Kleidung. Dieſe Leute haben nimmer Ruhe. Früh und ſpät hängen ſie der Arbeit an. Sie tragen in die nächſten Städte zu verkaufen, was ſie Nutzung haben auf dem Feld und von dem Vieh und kaufen dagegen ein, was ſie bedürfen, denn ſie haben keine oder gar wenig Handwerksleute bei ihnen ſitzen. Ihren Herren müſſen ſie oft im Jahr dienen, das Feld bauen, ſäen, die Frucht abſchneiden und in die Scheuer führen, Holz hauen und Gräben machen. Da iſt nichts, das das arme Volk nicht tun muß und ohne Verluſt nicht aufſchieben darf.

Auch die freien Bauern begann man am Ende des Jahr­hunderts faſt überall mit ſcheelen Augen zu betrachten.

) Höfler, Kaiſerl. Buch uſw., S. 53.

2) Sebaſtian Münſter, Cosmographie, Bd. V. S. 381. 3) Molken bedeutet ſauer und feſt gewordene Milch.

) Zwilchgigge bedeutet Zwilchjacke.