Skizzen. 91
Die Fäuſte ballten ſie endlich nicht mehr in der Taſche, ſie griffen nach Miſtgabel und Flegel.
Es war der Ausbruch dieſer lange genug zurückgedrängten Erbitterung, der ſich im Anfang des XVI. Jahrhunderts in den Aufſtänden des„Bundſchuh“,„des armen Conrad“ und im Bauernkriege Luft machte. Nur wer die ſelbſtverſtändlich gewordene freche Unterdrückung des Bauern durch viele Edle am Ende des XV. Jahrhunderts betrachtet, kann die Greuel von Weinsberg im XVI. Jahrhundert begreifen.
Nur wer bedenkt, wie die ſtolzen Abte und Biſchöfe in manchen Gegenden des Reiches ihres erhabenen Amtes ver— gaßen, ihren Untertanen nicht Führer und Tröſter, ſondern Ausſauger und Unterdrücker waren, die„höchſte Hoffahrt in der Welt trieben“) der allein kann verſtehen, wie die Worte Luthers, die Brandreden eines Münzer und anderer fanatiſcher Eiferer auf die ökonomiſch wie geiſtig ausgehungerten Bauern wirken mußten.
Im Anfang des XV. Jahrhunderts ſchon hatte dieſe Bewegung begonnen. Als damals die trotzigen Appenzeller das Joch des Abtes von St. Gallen abſchüttelten, in kühnem Wagen über den Rhein drangen, allerorten die Bauern zur Freiheit aufriefen, da jubelten ihnen dieſe an beiden Ufern des Rheins bis zum Bodenſee hinab als den Erlöſern entgegen.
Voll ernſten Staunens erzählt uns der edle Chroniſt: „Es war in jenen Tagen ein Lauf in die Bauern gekommen, daß ſie alle Appenzeller ſein wollten und ſich niemand gegen fie wehren mochte.“?)
*) v. Liliencron, Hiſt. Volkslieder, Nr. 89, Vers 7. Aus einem 1449 entſtandenem Liede.
2) Klingenberger Chr., S. 163. Für Glück und Ende dieſes „Bundes ob dem See“ vgl. Dierauer, Geſch. d. ſchweiz. Eidgenoſſenſchaft, Buch III. Kap. 5. Vgl. auch über den im weſentlichen gegen den Judenwucher gerichteten„Rheiniſchen Bauernaufſtand vom Jahre 1431“. Bezold in Mones Z. f. d. Geſch. des Oberrheins, Bd. XXVI. S. 129 ff.