92 Skizzen.
Ebenſo elend, wenn auch nicht ſo des Mitleides würdig, wie das Leben der meiſten Bauern am Ende des XV. Jahrhunderts, war während des ganzen Jahrhunderts das Leben der Juden im Reiche.
Freilich, nicht die Sorge um das tägliche Brot laſtete auf ihnen. Wenn am Sabbat die Tore des Ghetto geſchloſſen wurden, ſich aus der Raupe des ſchmutzigen Geldwechſelers, des gierigen Wucherers, ein fühlender Menſch zu entwickeln begann, dann mochte wohl auch in ihnen das Gefühl ferner Glücksmöglichkeit dämmern. Das Gefühl ſicherer Ruhe aber blieb ihnen fremd.
Wußten doch alle, wie oft es genügt hatte, das Volk gegen ſie aufzuregen, wenn nur ein eifernder Mönch auf dem Markte gegen die Juden gepredigt hatte. Noch immer galt für ſie der Name, den zu ihrer Kennzeichnung einſt Tacitus mit ehernem Griffel in das Buch der Geſchichte geſchrieben hatte:„Odium humani generis.“
In den Augen vieler Prieſter waren ſchon Chriſten des Feuertodes würdig, die in weſentlichen Punkten von der Lehre der Kirche abwichen; es iſt verſtändlich, daß dieſen Geiſtlichen und ihren Geſinnungsgenoſſen Milde und Nachſicht gegen die Juden verbrecheriſch erſchien, die doch trotz der immer wieder verſuchten Belehrung die Gottheit Chriſti völlig leugneten. Haß und Verachtung traf damals die Juden wohl in allen Ländern, da ſie überall ſich hartnäckig und ſtandhaft weigerten, in ihre Wirtsvölker aufzugehen, da ſie ſich trotz grauſamſter Verfolgung rühmten, vor allen anderen das auserwählte Volk Gottes zu ſein.
| Es iſt eben ſo leicht wie ritterlich, aber auch ebenſo falſch wie ungerecht, ſich ohne Rückhalt auf die Seite der Bedrückten du ſtellen, ihre Verfolger, zu denen die beſten Männer in allen Ländern gehörten,„blinde Fanatiker“ zu ſchelten.