Skizzen. 93
Nicht nur die inſtinktive Verachtung gegen den Menſchen anderer Raſſe, der Haß gegen die oft höhniſchen“) Verleugner des dreieinigen Gottes, die Rache der Ausgebeuteten gegen die Wucherer, hat in allen Ländern die unzähligen Anklagen gegen die Juden erzeugt, hat die vielen Schuldſprüche gegen ſie gebildet.
Freilich, recht viele dieſe Anklagen trugen den Stempel der Erfindung, die meiſten Urteile den der Parteilichkeit und Gehäſſigkeit an der Stirne.
Aber auch der Wurm ſticht, wenn er getreten wird. Mancher Jude, ruhe⸗, recht⸗ und vaterlandslos von Ort zu Ort gehetzt, der ſich offen nicht wehren konnte, mag ſich an der Geſamtheit ſeiner Verfolger durch heimliche Profanierung ihres Heiligſten, Vergiftung öffentlicher Brunnen und anderem gerächt haben.?) Es finden ſich in den Copialbüchern dieſer Zeit Unterſuchungen und Verhandlungen gegen Juden, die nicht damit abgetan werden können, daß man kühnlich behauptet, die Richter hätten ſchurkiſcherweiſe die unumſtößlichen Beweiſe, auf die hin ſie die Angeklagten verurteilten, ſelbſt beſchafft.
Der berechtigtſte Vorwurf gegen die Juden, der des Wuchers, findet ſich zwar häufig in Beſchwerden und Klagen
) Mone, Z. f. d. Geſch. des Oberrheins, IX, S. 265266.
) Das Tendenzwerk Pawlikowski, 100 Bogen aus mehr als 500 alten und neuen Büchern über die Juden neben den Chriſten, S. 174209. Vgl. auch Haupt, Die religiöſen Sekten in Franken, Feſtgabe zur III. Säkularfeier der Julius⸗Maximilians-Univerſität, 1882, S. 15. Gemeiner, Regensburger Chr., 570775. Durch Ausgrabung der Kinderleichen an den von den angeklagten Juden ſelbſt bezeichneten Stellen wird hier ein direkter Beweis zu führen verſucht. Olsner, Schleſ. Urk. z. Geſch. d. Juden im Mittelalter, S. 132—183. Natürlich ſuchten die Geiſtlichen häufig nach der Überführung die Juden zum Geſtändniſſe zu bringen, daß ſich während der Freveltaten Wunder ereignet hatten, Blut aus den Hoſtien gefloſſen wäre uſw. uſw. Arch. f. Kunde öſt. Geſch.⸗Quell., Bd. XXXI.