Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
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Kirche und Reich. 295

verſchuldet hatten, deſſen Privatleben dem Beſten ein Vorbild hätte ſein können?

Wer den großen Grundzug ſeines Weſens nicht erkannte, den mußte feine Wunſch⸗ und Temperamentloſigkeit reizen, ſein gerade damals fo ganz unfürſtlich erſcheinender Krämer­ſinn erbittern. Mehr noch haßte man ihn, weil er nie einer Gefahr ſich entgegenzuwerfen, immer nur ihr auszuweichen wußte, weil er der allein Führer ſein wollte, doch ſtets nur Bremſe war.

Nicht ſeine Miniſter, ihn allein traf Schmach und Hohn für alle Niederlagen, alle Enttäuſchungen. Nur gegen denun­luſtigen Kaiſer ſang man in den Wirts- und Leuthäuſern Spottlieder. Hörte der Kaiſer die Läſterungen, ſo meinte er lächelnd,die Zungen wären frei geboren und müßten frei ge­braucht werden. Faſt eine Genugtuung war es ihm, daß der Haß des Pöbels ſich nicht auf einen ſeiner Diener, ſondern auf ihn entlud.Das Wetter trifft die hohen Türme, nicht die Hütten, pflegte er zu ſagen.)

Was tat es ihm, den von Gott zum Haupt der Chriſten­heit Erwählten, wenn Leute ihn läſterten, die vom Wein oder ihren eigenen Worten trunken waren?

Er war nicht hochmütig, aber er war ſtolz.

Nie hätte er ſich, wie ſpäter ſein gefeierter Sohn Maxi­milian, als Söldner der Republik Venedig verdingt.

Der ſonſt ſo ſparſame Fürſt verſchwendete ſogar das Geld, wenn es galt, würdig als Kaiſer aufzutreten. Für Krone und Kaiſermantel gab er 300 000 Dukaten aus; den Wert des vollſtändigen Kaiſerſchmuckes ſchätzten engliſche Juweliere auf eine Million Goldgulden.)

) Grünbeck, Hiſt. Fried. IV. u. Max I., Oſt. Geſch.⸗Forſcher I,

S. 69 uſw. Voigt, Enea Sivio II., S. 251. In den zahmen Kenien

ſchreibt Goethe:Sollen die Dohlen dich nicht umſchreien, mußt nicht Knopf auf dem Kirchtum ſein.

Voigt, Enea Silvio, II, S. 253. Dieſe Angabe erſcheint über­

trieben hoch, da Paſtor, Geſch. d. Päpſte, I, S. 343, den Wert der