Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
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300 Kirche und Reich.

Seine Scham weiterhin zu tragen, wäre den Mann nicht wert, der erlittene Kränkung nicht zu rächen wiſſe,) rief fie ihm einmal zu. Lächelnd erwiderte der Kaiſer der Eifernden: Mit der Zeit belohne, ſtrafe und räche ſich alles von ſelbſt.)

Auch das hatte Gott gut und trefflich eingerichtet, daß er nicht ihn mit dem höchſt unbequemen Rächeramt beladen hatte; ein Glück ſchien es ihm, daß er vergeben und vergeſſen durfte.

Rerum irrecuperabilium summa felicitas est oblivio, pflegte er zu ſagen.

Vier Jahrhunderte ſpäter hat Lamartine dem Sinne

dieſes Wortes eine ſchönere Faſſung gegeben:Oublier, oublier, c'est le secret de vivre.

Mochte ihm auch nicht wie den Myſtikern ſeiner Zeit Er­gebung in Gottes Willen Seligkeit ſein, ſo ſchien ſie ihm doch als eine Notwendigkeit, über die allzu große Trauer nicht lohnte..

Seine Stärke aber war vor allem, daß er der Einzige unter den rachſüchtigen Fürſten feiner Zeit war, der das Ge­heimnis beſaß,vergeſſen zu können. Jede Erinnerung an Feindſchaft, Empörung, Betrug, Hinterliſt und Täuſchung konnte er nach einer ihm ſelbſt faſt unverſtändlichen kurzen Aufwallung völlig aus ſeinem Gedächtniſſe tilgen.

Seine erbittertſten Feinde haben wenige Monate nach dem Friedensſchluſſe treu an ſeiner Seite geſtanden, ſie fühlten alle, daß der Kaiſer nicht Vergebung heuchelte, daß er nicht den

) Grünbeck, Hiſt. Frid. IV. Hſterr. Geſch.⸗Forſch. S. 69. Non esse dignum subligando pudenda tegeret.

) Tarde ad vindictam divina procedit ira gravitatem quod su­plici tarditate recompensat ſchreibt der Kaiſer ein anderes Mal im glei­chen Sinne in ſein Stammbuch a. a. O., S. 593. Vgl. Logaus dieſem Satze durchaus entſprechende Worte: Gottes Mühlen mahlen langſam, mahlen aber trefflich klein. Ob aus Langmut er ſich ſäumet, bringt mit Schärf er alles ein. g

) Memorandenbuch a. a. O., S. 578, I,iniuriarum obliviosus nennt ihn Ebendorfer. Vgl. Voigt, Enea Silvio, II, S. 253, Anm. 3