302 Kirche und Reich.
ihn wie der kluge Biſchof Antonius von Florenz.„Man ſah nichts von kaiſerlicher Majeſtät an ihm, weder freigebigen Sinn, noch Weisheit, denn er ſprach immer durch eines Anderen Mund. Aber man ſah ſeine große Gier, wie er immer nach Geſchenken trachtete und fie annahm“.) 5
Wie hätten ſie ihn anders beurteilen ſollen?
Die Redner, die ihm begeiſtert vorſtellten, wie notwendig eine Reform der Kirche und des Reiches wäre, fragte er kaltblütig:„Welchen Nutzen werde ich davon haben?“) Nur wenn die Antwort auf dieſe Frage ihn befriedigte„ging er von ſeinem Grundſatze ab, daß alles ſo bleiben müſſe,„inmaßen das von Alters geweſen ſei“.
Er ſelbſt beſaß keinen Pathos, bei anderen fand er ihn langweilig und lächerlich.
Der kluge Rechner hatte in einem langen Leben gar oft geſehen, wie leicht hübſche Mäntelchen um häßliche Sachen zu hängen ſind; faſt nie aber ſelbſtloſe Hingebung an eine Idee beobachtet.
Mochte der Andere alſo ſeine Abſichten ruhig verſtecken, er liebte ein klares Geſchäft.
Feil, faul und feig haben ſeine Zeitgenoſſen ihn ſo oft mit gutem Grunde geſcholten.
Da kam der große Rechtgeber Erfolg und krönte den Kaiſer.
Der Mann, der als ein armer Prinz der Steiermark geboren war, durfte nach einem an Schmach und Niederlagen reichem Leben in ſeinen letzten Jahren ſicher ſein, daß ſein Sohn einſt der mächtigſte Herr der Chriſtenheit ſein würde.
Überall hatte der Kaiſer Recht behalten— trotz alledem und alledem. Wie ein Wunder war es geſchehen, faſt ohne
) Historiarum Dom. Antoni archipresulis Florentini, Teil III. Kap. 12.$ 3. Vgl. Paſtor, Geſch. d. Päpste, I, 493.
Palacky, Geſch. v. Böhmen, Vb, S. 66.