Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
303
Einzelbild herunterladen

Kirche und Reich. 303

ſein Zuun: Gleich als wenn dieſer ſtille fanatiſche Glaube das Schickſal gemeiſtert hätte oder als wenn, wie die Menſchen, auch das Geſhick endlich müde geworden wäre, dieſen Willen zu brechen. Nicht einmal ſtumpf gemacht oder verbittert hatte ihn all das Unglück, das über ihn hereingebrochen war.) Als Jüngling var der Kaiſer nicht jung geweſen, erſt als Greis erſchien es vielen.

Bis in den frühen Morgen hinein gab er vertrauten Fürſten Gelage, über deren Pracht ſelbſt die Reichſten ſtaunten.

Aber die Herren, die ſo gern von ihrenFahrtlein bei den eigenen und fremden Frauen prahlten, mußten jede Zote, jedes grobe Scherzwort unterdrücken, wollten ſie den Kaiſer nicht erzürnen.

Alle fügten ſich dem kleinen Zwange willig, um den Greis ſprechen zu hören, von dem Wollen und Wirken lange dahingeſchiedener Menſchen, von Not und Drang vergangener Zeiten.

Worte der Weisheit ſprach hier der Kaiſer, wie ſie nur Menſchen finden, die vieles geſehen, vieles erlitten haben und denen vergangenes Leid lieb geworden iſt.

Einem Patriarchen hat ihn in dieſer Zeit der feinſte und menſchlichſte feiner Beurteiler verglichen.)

Auch die Meinung des Volkes über den Kaiſer änderte der Erfolg. Wie die Götter Griechenlands den Tod derHeroen, die ſie in ihrer Mitte als Halbgötter aufzunehmen gedachten, der Welt durch außerordentliche Zeichen anzeigten, genau ſo be­

2) Auch in ſeinem Familienleben hatte der Kaiſer viel Unglück. Seine Gattin verſchied im Beginne des 32. Lebensjahres, drei Kinder ſtarben im jugendlichen Alter. Krones, Leonore von Portugal, Mit­teilungen d. hiſt. Vereins Steiermark, XIX, S. 89. Dazu kam der ſtändige Zwiſt mit ſeinem Bruder Albrecht und a. nahen Verwandten.

) Ranke, Deutſche Geſch. im Zeitalter der Reform., I. S. 96.