344 Kirche und Reich.
Nirgends aber kannte man auch das geheimſte Streben dieſer Herren, ihren kleinlichen Neid und ihre Sucht zum Intrigieren ſo gut, wie an der Kurie; denn„ad papam“ wandten ſich alle mit ihren Wünſchen. Man hatte damit rechnen gelernt, daß dieſer Fürſt ſeinem Eigennutze ein reformatoriſches, jener ihm ein patriotiſches Mäntelchen umzuhängen liebte, wieviel bei dem einen die Umgehung eines Eides, bei dem anderen ein Bundesbruch koſtete.;
Und man war höchlichſt erſtaunt, wenn einmal die Rechnung nicht ſtimmte, denn man hatte an der Kurie gut rechnen gelernt; an verſteckter Unwahrhaftigkeit und ſchlauem Ränkeſpiel war ſie aller Fürſten Meiſter.
„In Rom unterhandelt man niemals ohne Schaden“ pflegte man damals zu ſagen.;
In der Tat hätte wohl die„Neutralität“ im Reiche nicht ſieben Jahre gedauert, wenn das Konzil ſich ſelbſt und ſeinen Dekreten getreu bei der Obedienzverſteigerung nicht mitgeboten hätte.“):
Nur einen Kardinalfehler hatte in dieſem Jahrhundert die Rechnung der Kurie. Die Kirche, die früher die Wirkung auf die Maſſe geſucht hatte,) die Schutz und Schirm jedes Bedrängten und Beladenen, des armen Laien wie des niederen Geiſtlichen geweſen war, ſie ſuchte jetzt nur noch die ſichtbaren Häupter der Völker, die Fürſten, zu gängeln. Dabei überſah anfänglich die Kurie die Macht einer Bewegung, die im Laufe der Zeit faſt alle Gebildeten erfaſſen mußte; denn dem Blö
) So gibt am 1. April 1447 das Konzil ſeinem Papſte Vollmacht,„tractandi conveniendi, paciscendi, offerendi atque concordandi“, Reg. der hiſtor. Kommiſſion München aus dem Turiner Arch. Vol. Lager, Jacob von Sirk. Trierſches Arch., 1899, Heft 2, S. 24. Val dagegen Henning, Die Kirchenpolitik der älteren Hohenzollern in der Mark, S. 16.
) Wie ſchon das 14. Jahrhundert eine Wandlung der Individualitäten vorbereitet hatte, ſtellt dar, Gregorovius, Geſch. d. Stadt Rom im Mittelalter, VI, S. 651652.