Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
654
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654 Durch Kampf zum Frieden.

Überhebung. Nicht an feinem Dünkel hätte man die Höhe ſeiner Stellung meſſen können. Zum Entſetzen ſeiner ſtolzen Kardi­näle trank er aus der ſchmutzigen Schale, die ein Hirt am Wege ihm reichte, hielt er ſich auf den Bergen wochenlang in Hütten auf, deren ſchlecht geflickte Dächer kaum dem Regen wehrten. Und doch liebte der feine Humaniſt, den die Tiara ſchmückte, die Kränze aus dem Garten Epikurs mehr als des Stoiker Epiktet harte Lehre:sustine et abstine,dulde und ent­halte dich. b

Gleich einem Tagebuche geben ſeine Kommentarien Auf­ſchluß, auf wie ganz andere Weiſe, als alle ſeine Zeitgenoſſen, Papſt Pius Erholung ſuchte, wie dieſer Lebenskünſtler Feſte feierte. N

Wir fahren mit ihm in heiterer Geſellſchaft im Nachen ſtromabwärts; wie Bälle im Spiele, ſo werfen ſich die Teilneh­mer der Fahrt geiſtreiche Worte und improviſierte Verſe zu; wir ſehen, wie der Papſt mit ſeinen Kardinälen an einem See oder an einer kühlen Quelle ſpeiſt, wie er in einer Sänfte ſich auf den Bergen herumtragen läßt, um immer neue Fernſichten zu genießen, wie ſein Auge durſtig alle Schönheiten einſaugt, ihm ſelbſt das ſcheinbar Unbedeutendſte nicht entgeht. Wir hören ihn auf dem Wege von der Geſchichte eines Berges, einer Ruine ſprechen, im Walde oder einer Laube aus dem reichen Schatze ſeiner Erinnerungen erzählen oder ſeine Arbeiten den Schreibern diktieren.

Denn die Freude, alles, was ihm merkwürdig ſchien, auf­zuzeichnen, das Geleſene mit Geſehenem und Gehörtem zu kombinieren, hatte er auch als Papſt nicht verloren.

In hervorragendem Maße beſaß Pius gerade die drei Eigenſchaften, die, wie behauptet wird, die Grundzüge roma­niſcher Ziviliſation bilden.)Geiſtesklarheit, Geſelligkeit und ſympathiſches Weſen. Auch war ihm die ſeltene Gabe ver­

) Guizot, Hist. generale de la civilisation en Europe, S. ö. La elarté, la sociabilité, la sympathie..