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Häuser und Menschen im alten Berlin / von Hans Mackowsky
Entstehung
Seite
120
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II.

Auch im neuen Besitz blieb Brüderstraße 29 was es zu Deckers Zeiten gewesen war: ein Geschäftshaus. Im März 1795 erwarben es für 20000 Taler die Seidenfabrikanten Jean Paul Humbert und Johann Franz Labry. Bauliche Änderungen eingreifender Natur betrafen allein den rechten Seiten­flügel, der aus einem alten Waschhause zum Warenlager umgesialtet wurde. Im Vorderhause blieb alles beim alten, nur wurden die Verkaufsräume in das Erdgeschoß verlegt. In der Bel-Etage ließ man den alten Herrn noch bis zu seinem Tode (17. November 1799) wohnen; dann bezog sie Jean Paul Humbert.

Die Humberts waren gleich den Deckers Eingewanderte. Wenn aber Johann Georg Decker seine Aufnahme in die französische Kolonie erst be­antragt hatte, nach der allgemeinen Regel, daß die Ausländer, gleichviel welcher Nation und Religion sie angehörten, sich zur französisch-reformierten Kirche hielten und in den Verband der Kolonie eintraten, so waren die Humberts eigentliche Réfugiés. Ihr Stammvater Charles Humbert war Hutmacher in Metz gewesen und hatte infolge der Aufhebung des Ediktes von Nantes seine lothringische Heimat verlassen. Angelockt von der Glaubens­zuflucht und den wirtschaftlichen Vorteilen, die das Edikt von Potsdam den Hugenotten in den brandenburgischen Ländern zusicherte, machte er sich mit den Seinen auf die Wanderschaft, kam aber nur bis Friedrichsdorf bei Homburg v. d. H., wo er 1685 starb. Seine Witwe Judith erreichte mit drei Söhnen Berlin. Der jüngste, nach dem Vater Charles genannt, kaufte in Berlin das Haus Brüdersiraße 27 und ließ sich dort als Notar nieder. Er starb 1729. Von ihm zweigte eine reiche Nachkommenschaft ab, die teils als Richter und Verwaltungsbeamte, teils als Goldschmiede und Juweliere sich noch durch Generationen bis in die Gegenwart verfolgen lassen.

Jean Paul Humbert, 1766 geboren, war der Sohn eines Goldschmieds, des Gründers der bis 1889 im Hause Schloßfreiheit 2 bestehenden Juwelier- sirma Humbert und Sohn. Aber weder das väterliche Handwerk noch die