Staatsoberhauptes, die das Markenbild ausmachten, so traten mit der Veränderung des ideellen und materiellen Weltbildes in den letzten Jahrzehnten andere Symbole an ihre Stelle. Die Briefmarke diente, mit Zuschlägen versehen, Zwecken der Wohlfahrt, sie wurde Werbe- und Propagandamittel für Großveranstaltungen aller Art, schöne Landschaftsbilder tauchten auf ihr auf und warben so für den Reiseverkehr, Technik, Kunst und Wissenschaft hielten auf dem Markenbild, ihren Einzug, dazu gesellte sich schließlich die Darstellung aus dem Zeitgeschehen, so daß es heute kaum noch ein Gebiet menschlichen Wissens und menschlicher Entwicklung gibt, das nicht irgendwie, irgendwo und irgendwann seinen Niederschlag auf einer Briefmarke gefunden hätte. Daß sich dabei die technische und künstlerische Ausführung des Markenbildes vom grobschlächtigen Einfarbendruck über viele Zwischenstationen hinweg bis zum prächtigen Mehrfarbendruck unserer Tage entwickelte und viele Marken zu kleinen Kunstwerken wurden, soll nicht nur am Rande vermerkt werden. Es ist bei dieser Entwicklung nur natürlich, daß mit der inneren und äußeren Veränderung der Briefmarke auch eine Veränderung der Ziele einherging, die sich die Sammler für ihre Beschäftigung mit den Marken stellten. Das ursprüngliche Ziel, möglichst die Marken der ganzen Welt oder eines großen Teiles davon zusammenzutragen, wurde gar bald durch die ständig wachsende Zahl der neuen Marken erstickt. Man suchte neue Wege und fand sie. Man fing also an, sich auf bestimmte Gebiete zu spezialisieren. Man entdeckte hier und dort auf Marken Druckfehler und Abweichungen vom Normalen, machte sie zu begehrten Raritäten von großem Wert, machte so Fälscher munter und rief die Spekulanten auf den Plan. Andererseits aber bildete sich dabei etwas anderes heraus, nämlich die forschende Tätigkeit des Sammlers, die zu einer Wissenschaft für sich wurde und in der noch heute gültigen und üblichen Bezeichnung „Philatelie“ alles das umfaßt, was es an ernsthafter Beschäftigung mit der Briefmarke überhaupt geben kann. Sicher bildet auch noch heute eine möglichst vollständige Sammlung der Briefmarken eines oder mehrerer Länder das Ideal vieler Sammler, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Immer größer aber wird die Zahl derer, die die Philatelie von anderen Gesichtspunkten aus betreiben, und wenn wir heute Werbeschauen und Ausstellungen besuchen, so sind wir oft überrascht von der Mannigfaltigkeit, in der sich uns die ausgestellten Objekte als Spezial-, Forschungs-, Länder-, Motiv- und Dokumentar-Sammlungen präsentieren. Besonders erfreulich dabei ist, daß gerade die Motiv- und Dokumentar-Sammlungen zunehmend ins Auge fallen und hervortreten, weil sie zeitnah und auch für den Laien ansprechend sind. Was aber für den einzelnen Sammler galt, fand natürlich auch entsprechend in den Sammler-Vereinen seinen Niederschlag. Sicher wurden auch früher schon auf den Sitzungen der Vereine hier und dort Vorträge gehalten; sie ließen aber immer das Zeitgeschehen außer acht,
102