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Knie Luinstlerfaljrt nach Kalb-Lsien.
„Bei wem denn?"
Glasphyra Zögerte einen Moment.
„Bei Herrn Stenscewicz," sagte sie dann hastig.
Sofort fiel mir das Gespräch der Alten auf dem Hose ein.
„Kenn' ich nicht. Hier in Nempen?"
„In Warschau."
„Ah — so . . ." machte die Spatz gedehnt, und die Schuppen sanken ihr förmlich sichtbar von den Augen. Ihr Ton, ihr Blick, ihre Miene sagten deutlich, daß sie mit einem Male Bescheid wußte — zum mindesten Bescheid ahnte.
Glasphyra that gleichgültig. Aber die Spatz ließ nicht locker.
„Das ist wohl ein berühmter Künstler?"
„Ja."
„Und ein interessanter Mensch?"
Sie Zuckte mit keiner Wimper. „Ich kenne ihn nicht näher."
Der Papagei überschlug sich im Käsig. „Wirst du den Levison nehmen!" schrie er zornig.
„Das ist Wohl ein kluges Tier?" fragte die Spatz in einem Ton, der deutlich verriet, daß sie den Vogel gräßlich fand.
Glasphyra öffnete den Käfig des Papageis. „Komm, Batuschka. Red nicht so viel."
Nach einem leichten Schlag aus den Schnabel hielt sie ihm die Hand hin. Er kletterte eilfertig aus ihrem Arm empor bis auf ihre Schulter, wo er ihre krausen Nackenhärchen durch den Schnabel zog und mit ihrem rosigen Ohrläppchen spielte. Sie sah auf ihn nieder und liebkoste ihn durch leichte Bewegungen ihres schönen Hauptes.
„Wo haben Sie ihn her?" fragte die Spatz, die gleich mir empfand, daß ein so geliebter Gegenstand unbedingt aus einer geliebten Hand stammen mußte.
„Aus Warschau."
Das war zu dürftig für die Spatz. Sie ahnte den Geber wohl, aber sie wollte ganze Gewißheit haben.
„Vom Händler?"
„Nein. Von einein Bekannten."
„Namens..."
Glasphyra zögerte unentschlossen.
„Es ist ein Andenken meines Klavierlehrers," sagte sie halblaut.
,Mosa üoebanüa," gurgelte der Vogel plötzlich mit einer weichen, zu Herzen gehenden Männerstimme.
Glasphyra lächelte und neigte Zärtlich gegen ihn das Haupt. Er schmiegte sich behaglich an ihren dunkel getönten Hals und gab sich träumerisch wohlig-warmen Empfindungen hin. Er sah aus, als hinge er lieben, süßen Erinnerungen nach.
„Süße Glasphyra," gurgelte er plötzlich wie vorhin, „küsse mich noch ein einziges Mal."
Wie sie zusammenfuhr! Wie ihr feurige Glut ins Antlitz schoß! Wie ihre beiden Hände zu gleicher Zeit in unbewußter Hast nach dem Vogel griffen und ihn scheu umhüllten, um den Verräter ihrer Geheimnisse zu verbergen und weitere Indiskretionen Zu verhüten.
Zum Ueberfluß sagte die Spatz: „Ist denn der Herr Stenscewicz verheiratet?"
„Ja," schoß es ihr von den Lippen.
„Schade," meinte die Spatz bedauernd. Dann zwinkerte sie mir zu. ,Das kennt man/ sprach ihr Blick; sin solchen Fällen sagt man nicht das, was wahr ist, sondern das, was Zu dem Kram paßt/
Jene steckte den Vogel in den Bauer und suchte uns ihr erglühtes Gesicht Zu entziehen. „Er spricht nichts wie dummes Zeug," murmelte sie kaum verständlich. „Nichts wie dummes Zeug spricht er."
Da wurde ans Fenster geklopft.
Glasphyra erschrak sichtlich, war indessen sofort beruhigt, als sie Cohns breite Gesichtszüge hinter den Scheiben sah. Nickend ging sie, ihn einzn- lassen.
Kaum gewahrte Batuschka den Eiutretendeu, als er sogleich mit zischender, galliger Stimme ausstieß:
„Ein Schuft ist der Levison. Ich will's ihm eintränken." .
Isidor lachte: „Dem hat die Goldstein schon oft den Hals umdreheu wollen."
„Und warum thut sie's nicht?" fragte die Spatz.
„Weil ich ihr Hab' gesagt, ich würd' ihr schaffen 'neu Käufer mit hundert Thaler für den Papagei. Sie muß doch den Papagei haben, wenn der Käufer kommt." Er grinste.
„Sie hat ihn ja —"
„Er ist mein," sagte Glasphyra schroff und trug den unheimlichen Vogel hinaus.
„Stellen Sie ihn ja zu den andern Sachen," zischelte Cohn ihr nach; „sonst bleibt er womöglich hier."
Dann ging er betrachtend und musternd im Ziiümer herum. „Es ist ja fast alles neu," wendete er sich an die wiederkehrende Glasphyra.
„Alles bis aus die Gardinen."
„Und einige Bronzen."
„Joel hat kürzlich ein sehr gutes Geschäft nach Rußland gemacht. Auch nach Goluchow ins Posensche sind eine Menge Sachen gegangen. Fürstin Czar- toriska hat auch gekauft. Das hier haben wir erst seit vierzehn Tagen."
„Für den großen Teppich wüßt' ich 'neu Käufer. Was soll er kosten?"
Sie schlug ein Nechnungsbuch aus, das sie aus dem Schubkasten ihres Waschtisches herausnahm, blätterte, suchte mit dem Finger unter den verzeichnten Gegenständen und nannte einen Preis.
Cohn wiegte den Kops. Jetzt konnte es die Spatz vor Fragesucht nicht mehr aushalten.
„Ei du meine Güte, ist denn das alles verkäuflich — gehört denn das nicht alles Ihnen?"
„Mir?!"
Glasphyras Antlitz nahm den Ausdruck an, den Kinder des Volkes haben, wenn Not und Elend sie quält; ihre Stimme klang wie die einer andern Person, heiser und farblos: „Mir gehört nichts, gar nichts. Mir gehört nichts wie einige Kleider," — sie sah an dem einfachen weißen Nessel herab, den sie trug — „die man mir geschenkt, und der Vogel, den ich hinausgetragen habe."