Heft 
(1897) 08
Seite
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Weöer Land und Meer.

nichts. Sie blickte nicht rechts, nicht links. Den Kopf vorgebeugt, sprengte sie mit eines Schrittes Vor­sprung mit mir dahin.

Wir erreichten ihr Sorgenkind in der offenen Hausthür.

Na ja, da steht sie schon vor ihm," flüsterte sie ingrimmig.Und was sie sür verliebte Augen macht!"

Dieverliebten Augen" waren groß und schwer­mütig und zeigten Thränenspuren. Die Lider waren rot umsäumt. Und täuschte ich mich? schimmerte nicht auch die eine Seite des ernsten Gesichtes purpurn?

Mecerino hatte den Hut gezogen und haspelte soeben eine höfliche Begrüßungsformel, nicht ahnend, daß der Tugendengel ihm schon wieder aus den Fersen war.

Jetzt tauchte er dicht neben ihm aus und siel ihn: auch sogleich ins Wort.

Bitte den Schlüssel zum Flügel."

Sie war ganz außer Atem.

Glasphyra zögerte einen Moment.

Den hat meine Tante in Verwahrung."

Bitte schön, melden Sie doch dann Herrn Mecerino"

Donnerwetter, Spätzchen, was wollen Sie denn hier? Ich kann allein reden und vielleicht besser

garnitur ans Malachit. Der Fußboden kahl, i Dagegen an den Wänden echte alte persische und marokkanische Teppiche, umrahmt von allerhand kostbaren Dekorationsgeräten. Dennoch hatte das Gemach etwas Kaltes, Unwohnliches. In der j Ecke war ein einfaches Kleiderregal und eine sehr ^ primitiv verhüllte, einfache Waschtoilette. Auch be- ^ merkte ich ein mit grauem Kattun verhangenes Möbel, das aussah wie eine zusammengeklappte eiserne Bettstatt. Am Fenster stand ein großer, schmuckloser Vogelbauer, darin ein Arra seine Turn­übungen machte. Der Vogel gab dabei merkwürdige > Töne von sich, die an halbersticktes Schluchzen er­innerten und hin und wieder durch einen lauteren Aufschrei unterbrochen wurden. Auch gurgelte er dazwischen keifend unverständliche Worte, aus denen ich allmählich heransverstand: Ist der Levison nicht i ein reicher Mann? Wirst du? wirst du?

I (ein Aufschrei.) Gleich sag ja Du bist e Chammer! i (wieder ein Aufschrei.) Kröte!

! Die Spatz, die mit offenen Augen und Mund i die Kostbarkeiten im Zimmer bestaunte, und befühlte,

^ drehte sich plötzlich nervös herum.

Das ist ja ein unausstehlicher Papagei!" stieß ! sie aus.Dem würd' ich den Hals umdrehen! Man könnte ineinen, hinter einem würd' einer ge- mißhandelt!"

als Sie."

Seien Sie ganz still. Das schadet Ihrer Stimme. Also bitte, Fräulein, melden Sie Herrn Mecerino bei Frau Goldstein."

Glasphyra machte eine einladende Bewegung und öffnete rechts von sich eine Thür, so daß wir den Einblick in ein Zimmer mit einer gepreßten gelben Plüschmöbelgarnitur hatten. In einem der Fauteuils lag die Goldstein in ihrer blauen Sammet­taille. Sie lag da, als wollte sie nach allen Seiten zerfließen. Sie sah noch röter aus als vorhin im Hotel, und ihre Gesichtsmuskeln arbeiteten erregt. Es war mir klar, daß sie Glasphyra eine Scene gernacht hatte.

Ich bemerkte noch, daß Mecerino nur flüchtig an die Krempe seines Hutes faßte und dann den­selben aus dem Kopse behielt. Es war sehr ab­sichtlich. Die Goldstein dagegen prangte ohne Jett­krone, und ihr falscher, schwarzer, toupierter Scheitel wirkte geradezu abstoßend auf ein Auge, das nicht an Perücken gewöhnt war.

Die Thür schloß sich, als Glasphyra begriff, daß wir dies Zwiegespräch nicht mitgenießen wollten.

Wollen Sie nicht so lange hier eintreten?" fragte sie.

Ihr Zimmer?" fragte die Spatz.

Ich schlafe hier."

Wir traten in ein Prunkgemach, dem nichts als der Teppich fehlte, um einer Fürstin als Boudoir dienen zu können. Nur wertvolle Möbel, mittel­alterliche italienische Intarsia oder Holzschnitzerei. Ein Ueberfluß an wertvollen venetianischen Spiegeln. Damastportieren, die in dem Palast eines Dogen geprunkt haben mochten. Das Himmelbett Renaissance-, der Schreibtisch reinster Empirestil. Die Schreib-

Kröte!" schrie der Papagei wieder.

, Sie hatte die letzten Worte lachend, wie im ^ Scherz gesprochen, denn Glasphyra, die inzwischen ! das Haus so fest verriegelt hatte, als ob ganz i Nempen nur von Dieben und Räubern bevölkert ! wäre, kam herein.

-Ich fürchte, meine Tante wird den Flügel vor dem Konzert nicht aufschließen lassen. Sie ist sehr ! eigen in allem, was ihr gehört," sagte sie halb ! entschuldigend.

!Gerechte Güte, versteht sie denn gar nichts von ! Musik?"

!Meine Tante?" In der gedehnten Wieder- ! holung lag eine Verneinung voll Schmerz, Hohn und ! Geringschätzung.

iWozu hat sie denn aber den Flügel?"

!Zum Staat," versetzte Glasphyra einfach. Sie selber schien es ganz selbstverständlich zu finden, daß man Klaviere wie die Pfauen und Affenpinscher Zum Staat hält.

Nur Zum Staat?" echote die Spatz, halb be­täubt von dieser vandalischen Auffassung.

Vielleicht kann sie ihn auch mal mit Vorteil verkaufen."

Weeß Kneppchen! Lassen Sie nur die Motten 'rein kommen, dann ist der Flügel so ziemlich futsch. Hat er denn einen schönen Ton?"

Ich weiß es nicht."

Was?!"

Ich darf nicht darauf spielen."

Nu brat mir einer 'n Storch! Warum denn nicht?"

Ich könnte ihn verderben."

Spielen Sie gut?"

Ich habe nur drei Jahre Unterricht gehabt."