Heft 
(1897) 08
Seite
270
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Weber Land und Weer.

Wir starrten sie an, als hätte sich ihr Gewand plötzlich in Lumpen verwandelt. Vielleicht war es dieser unser geradezu entsetzter Blick, der sie erröten ließ.

Jetzt fiel Cohn ein:Aber steht Ihnen nicht alles offen?" Können Sie nicht werden reich, sehr reich, wenn Sie nehmen den Levison?" Er lachte hämisch.Ja, die Frau Goldstein sorgt gut für ihre Nichte! Was brancht's zu sein ein guter Mann und ein schöner Mann, wenn's nur ist ein reicher Mann! Sammet und Seide und 'ne Equipage, und im Sommer erster Klasse nach Heringsdorf oder Harzburg. Und immer der Levison dabei mit seinem guten Herzen voller Liebe und Zärtlichkeit!"

Nie wieder habe ich die Worte Liebe und Zärt­lichkeit mit einem so widerwärtigen Ausdruck in Gesicht und Stimme aussprechen hören, wie Cohn sie in diesem Moment von sich gab.

Glasphyra schauderte. Hier hatte jedes Wort für sie einen Stachel. Jedes Wort schlug Funken aus ihrer Seele. Ihre Züge stählten sich. Ein wilder Trotz sprühte aus ihren Augen. Sie hob das Haupt.

Nie!" stieß sie durch die Zähne hervor.

Pscht, pscht!" machte Cohn.Lassen Sie 's nicht hören die Frau Goldstein! Immer sanft! Immer nachgiebig! Der Levison ist reich; der Levison macht Geschäfte mit zehn Perzent Zuschlag; der Levison wird bauen ein Hotel mit Berliner Komfort. Der Levison ist ein guter Geschäftsmann. Wenn er erst hat eine bildschöne Frau, werden die guten Kunden Zuströmen von nah und fern Zum Berliner Komfort. Und wenn der Stenscewicz wird aus seinen Kunstreisen Nempen passieren, wird er natürlich auch wohnen wollen mit Berliner Komfort, und der Levison wird ihm geben nu, was wird er ihm geben? ein Kämmerchen unter dem Dache zu einer Mark fünfzig."

Verächtlich warf er die letzten Worte über die Achsel.

Ich sah, wie Glasphyra bebte, wie die nieder­gekämpfte Empörung ihr feuchte Tropfen aus den Schläfen preßte. Ich erwartete, sie in Thränen ausbrecheu zu sehen, aber umsonst.

Lassen Sie's gut sein, Herr Cohn, mau kann die Zukunft nicht ergründen."

Alles, was sie sprach, klang gemessen und klug.

Jetzt wurden über den Flur herüber Stimmen laut.

Wenn Sie hätten höflich gebeten, hätt' ich Ihnen vielleicht gegeben den Schlüssel," rief Frau Goldstein mit einer Stimme wie eine Querpfeife.

Durch Mecerinos lakonische Antwort bebte Haß und Wut.Was kauf' ich mir für wielleicht!'"

Wollen Sie nochmal bitten, wie es sich gehört? Hier ist der Schlüssel..."

Ein Recht erbitten? Wenn Sie den Flügel geborgt haben und ich konzertiere, kommt mir der Schlüssel einfach zu!" Die Antwort dröhnte, als ob er sie einem Tauben verständlich machen wollte.

Das geht schief," murmelte Cohn ängstlich, schlich an die Thür und öffnete sie ein wenig. Die

gegenüberliegende Thür war nur angelehnt. Sehen konnten wir nichts, aber hören alles.

Zu? zu?" kreischte die Goldstein. Und dann im Kontrabaß gerechter Entrüstung:Sie werden sehen, was Ihnen zukommt. Ich Hab' den Schlüssel in der Hand; aber Sie werden sich gefälligst gedulden bis heute abend."

Dann reisen wir ab!" donnerte er außer sich.

Eine kalte Hand umklammerte plötzlich die meine. Nur das nicht!" stammelte Glasphyra mit blassen Lippen.Ich ich" Sie hatte ihr Gleich­gelvicht vollständig verloren.

Reisen Sie, reisen Sie!" rief die Goldstein. Ich werde Sie nicht halten."

Ich würde mich von Ihnen auch nicht halten lassen!" ging Mecerino zum persönlichen Angriff über.

Wenn Sie nicht geben 's Konzert, brauch' ich nicht zu geben den Flügel!"

Na, dann kochen Sie ihn sich sauer!"

Wenn Sie nicht geben 's Konzert, gut, so sind Sie mal zum Vergnügen auf Ihre Kosten gewesen in Nempen."

Ihr schneidender Hohn, gegen den seine kurzen Wutausbrüche ohnmächtig abprallten, mußten Me­cerino, wie ich ihn kannte, rasend machen.

Er wird sie noch erdrosseln, wie er geschworen," stöhnte Cohn, und seine Prophezeiung schien sich zu erfüllen, denn jetzt ertönte drüben ein anhaltender Schrei, gleich dem Pfiff einer Lokomotive.

Wir stürzten auf den Korridor und karam­bolierten mit Mecerino, der wie ein wilder Eber unsre Reibe durchbrach und in geschlossener Faust den gewaltsam errungenen Schlüssel hielt. Die Gold­stein lag, wie eine Entseelte, mit gelösten Gliedern im Sessel.

Wir alle standen einige Augenblicke wie gebannt. Das Rasseln des von Mecerino heftig gerüttelten Thürschlosses, ehe er entrann, machte den Eindruck, als ob ein Verbrecher seine Gefängniszelle sprengte. Vor uns das blaurote Gesicht der Goldstein . . . Es war wirklich zum Erstarren.

Glasphyra war diejenige, die sich zuerst regte. Man las ihr das Widerstreben, mit dem sie sich zu der Hingestreckten begab, aus den Bewegungen.

Am Ende hat sie wirklich der Schlag gerührt," tuschelte die Spatz und zog mich flnchtbereit in den Korridor Zurück. Isidor hatten die Kniee vor Schrecken den Dienst versagt. Er war auf den Rohrstuhl neben der Thür niedergebrochen.

Glasphyra beugte sich langsam über die Ohn­mächtige. Ihr Gesichtsausdruck war eisig, als sie murmelte:Tante. .." Dabei faßte sie die schlaff über die Lehne herniederhängende Rechte der Frau und versuchte sie zu reiben.

Mit einem Male schnellte die Totgeglaubte empor. Er ist doch weg?" fragte sie flüsternd.

Mit einem Seufzer der Erleichterung stieß Isidor aus:Ja er ist weg!"

Glasphyra" die Goldstein wischte sich mit ihrem Taschentuch übers erhitzte Gesichtgieb mir 's Niechsalz. Es ging mir auf die Nerven."