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Eine Künstlerfahrt nach Kalb-Lsien.
Glasphyra glitt schweigend davon und brachte ihr automatenhaft das Gewünschte. Jetzt griff Cohn in die Handlung ein. Aus den großen Zehen schlich er zu der Angegriffenen und sagte teilnehmend:
„Ist Ihnen noch immer schlecht, Frau Goldstein ?"
Sie sah ihn mit Augen an, als ob sie ihn durchbohren wollte.
„Schlecht? Wie heißt schlecht?" versetzte sie mit ungebrochener, kräftiger Stimme. „Ist mir gar nicht schlecht gewesen. Pf — pf — wenn ich nicht gefallen war' in Ohnmacht, hätt' er mich erwürgt bei lebendigem Leibe. Wenn ich ihm nicht gelassen hätte den Kommodenschlüssel in meiner Hand, hätt' er mir gerissen den Schlüssel Zum Flügel aus der Tasche. Das ist ja ein fürchterlicher Mensch, der Mecerino! Hätt' ich das vorher gewußt, dann hätt' ich ihn nicht eingeladen unter meine Gäste."
Spätzchen bekam beinahe einen Lachkrampf und stopfte sich als Dämpsungsmittel ihr Taschentuch in den Mund. Aber es entwichen ihr dennoch unbeschreibliche Töne.
„Wer ist denn da noch?" fragte die Goldstein argwöhnisch und erhob sich, nur selber nachzusehen. „Ach so, die Damen."
Wir grüßten, so gefaßt als es uns möglich war. Sie musterte uns wieder von oben bis unten. „Ist das ein Grobian!" schleuderte sie uns dann mit solcher Entrüstung ins Gesicht, als ob wir für Mecerino verantwortlich wären.
„Dafür ist er Künstler," sprang Cohn gewandt ein, „und sehr verwöhnt, Hab' ich Ihnen gesagt, Frau Goldstein. So 'ner Größe überläßt man den Pianoschlüssel. Und wenn er dreißig Mark am Flügel abspielt oder absingt, ist es immer noch 'ne Ehre für unsereins."
„Wie heißt? Er soll grob sein dürfen und ich coulant? Das ist 'ne umgekehrte Weltordnung. Hat er mir nicht einmal zugestanden den Ehrenplatz aus der Bühne. Aber ich will 'n haben, Isidor, sonst — bei Gott — geb' ich den Schlüssel nicht 'raus; auch heut abend nicht znm Konzert. Mögen Sie musizieren ohne Flügel, meine Damen. So 'n grober Kerl, wie der —"
In Spätzchens Gesicht fluteten die Blutwellen auf und nieder. Sie selbst gönnte sich das Vorrecht, Mecerino zu schmähen, aber andre durften sich das nicht erlauben.
„Merkwürdig," sagte sie mit mühsam erzwungener Haltung. „Der Mecerino kann sich doch nicht so arg vergangen haben? Das sieht ihm doch gar nicht ähnlich."
„Soll das etwa heißen, daß ich lüge?" ries die Goldstein zornig.
„Na bitte, was hat er denn gesagt?"
„Erstens ist er gekommen — den Hut hat er auf 'm Kops behalten — ,Jch komme wegen des Schlüssels', hat er gesagt. Ist das eine Art? Wenn ich auch bin eine einfache Frau" — die Sammettaille sträubte jedes einzelne Fäserchen —, „so weiß ich doch sehr Wohl, was Höflichkeit ist. ,Bitte sehr/ Hab' ich gesagt, — den Kommodenschlüssel hatt' ich
gerade in der Hand, und da wir vom Schlüssel sprachen, hielt ich 'n ihm entgegen — ,ein Schlüssel ist doch wohl eine freundliche Bitte wert/ Glauben Sie, daß er gebeten hat? Gott bewahre. Den Hut hat er aus der Stirn geschoben, daß mir wurde, als stünde ich vor einem Betrunkenen. Ich wollte ihm meinen Wunsch, daß ich ans der Bühne will sitzen, gar nicht erst sagen, aber ich hab's doch ge- than — na, ich bereu's."
Dumpfes Schweigen.
„Aber du meine'Güte —"
„Er hat mir gesagt," ihre Lippen begannen zu zittern, „auf die Bühne gehörten bloß die Künstler. — Hab' ich nicht geborgt den Flügel gratis? — Hat er gesagt, die Zuhörer gehören ins Parkett. Auf der Bühne würd' ich die Akustik mit der Lupe suchen. Braucht er sich darum zu kümmern? Hab' ich nicht die Glasphyra? Was werd' ich mir suchen gehen die Akustik, wo ich die Glasphyra Hab'?! In seine Sachen mag er seine Nase stecken. .. Jawohl, ich hab's ihm gesagt. Immer gröber ist er geworden. Sie müssen's doch durch die Thüren gehört haben! Und zuletzt hat er mich gefaßt — hier am Handgelenk hat er mich gefaßt und hat's mir zusammengeschnürt, und die Augen hat er gerollt — ich Hab' nie in meinem Leben so was gesehen. Und da ist's mir durch den Kops gefahren: Salche, fall in Ohnmacht, sonst bringt er dich um. Gott du Gerechter, ist das 'n fürchterlicher Mensch, der Mecerino!"
Cohn, der mit Glasphyra während dieses Seelenergusses ein flüsterndes Zwiegespräch geführt, warf sich jetzt ins Mittel, ehe Spätzchen Zu Worte kam.
„Es ist eben 'n Künstler, Frau Goldstein. Und was den Platz ans der Bühne betrifft, - - nu, — ich werd's machen."
„Und die Glasphyra soll bei mir sitzen —"
„Soll se, soll se."
„Und nu geben Sie 'n Schlüssel."
„Nicht, eh' ich den Platz Hab'."
„Bock!" murmelte die Spatz, aber es lag so viel Gift und Galle in diesem einen Wort, daß es Sätze voll Schmähungen aufwog.
Das Gespräch, das Isidor vorher flüsternd mit Glasphyra geführt, hatte ich nur schwer verfolgen können.
„Wo liegen die Sachen?"
„Im Keller."
„Alle?"
„Es sind wenig genug."
„Wird er sie finden?"
„Nosalie wird sie ihm Zeigen."
„Ist die sicher?"
„Keine Sorge; sie haßt ihre ,Frau'."
„Pünktlich..."
„Ein Viertel aus acht."
„Ich werde die alte Goldstein gut in Beschlag nehmen."
„Wie komm' ich hinaus?"
„Stenscewicz wird da sein. Und Lichter auch."
„Und in den Wagen, daß mich keiner sieht?"
„Ich lasse die Künstler in den Hof 'reinsahren.