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Eine Künstlerfahrt nach Kalb-Lsien.
Menschen an: „Ich empfehle mich allerseits. Aus Wiedersehen in Breslau."
Ehe wir einen Einwurf erheben konnten, hing Cohn schon angstvoll an seinen Nockschößen.
„Willibald! 's Konzert!" schrie er in einer ; Tonart, die es sür musikalische Menschen schon gar ! nicht mehr giebt.
„Lassen Sie mich los!" brach Mecerino aus.
„Sie müssen singen!"
„Schockschwerenot, nein!"
Es war ein Wunder, daß bei der heftigen Bewegung, die er zugleich machte, ihn sein Rockschoß nicht im Stich ließ und bei Cohn verblieb. Aber nein, der Rockschoß war anhänglich; statt seiner riß Cohn ab.
Kaum fühlte Mecerino sich entfesselt, so raste er davon.
„Reist er ab? Reist er wirklich ab?" stammelte Isidor.
„Es scheint doch so," warf die Spatz etwas verschnupft über die Achsel.
„Gott der Gerechte, stehen Sie mir bei! Reden Sie ihm zu! Sie steinigen mich, die Leute, wenn er nicht singt. Sie haben alle genommen ihre Billetts nur wegen dem Mecerino, weil ich gemacht habe so große Reklame. Und die Glasphyra! Meine Damen, wenn Sie wüßten! Ich will's Ihnen sagen, meine Damen: Heut abend soll die Glasphyra sich öffentlich verloben mit dem Levison.
's ist alles abgemacht. Sie hat müssen ja sagen, sie hat nicht anders gekonnt. Wollen Sie dem festlichen Tage die schönste Weihe rauben? Ist nicht ein schöner Gesang dazu da, ein liebevolles Herz Zu rühren?"
Die Spatz und ich sahen uns an.
Wie hatte der Mann vor einer halben Stunde noch zu Glasphyra gesprochen! Ich durchschaute seine Taktik. Absichtlich tischte er uns diese Lüge aus, weil er sich scheute, uns für eine Liebesintrigue zu erwärmen, die wir möglicherweise verraten konnten.
Spätzchen hatte keine Ahnung von dem Zu- lammenhang des sich entwickelnden Dramas. Sie hatte die Scene aus dem Hof nicht belauscht, und das Zwiegespräch Isidors mit Glasphyra war ihr ebenfalls entgangen. Sie wußte nicht recht, wie sie Cohns Ironie auszufassen und zu erwidern hatte.
„Ich glaube gar nicht, daß er abreist," versetzte sie einfach.
„Er darf nicht! Er darf nicht! Er darf unter keiner Bedingung! — Fräulein, Sie ahnen nicht, wie mir ums Herz ist! Alle wollen sie ihn hören — und aus einmal ist er weg. Und wer bekommt die Vorwürfe? Ich natürlich, ich, der ich alles ausgeboten habe, um alle und jeden Zusriedenzustellen."
„Kommen Sie jetzt nur in Ihr Hotel," ermunterte sie den Gebeugten. „Ich will mein möglichstes für Sie thun. Ich weiß den Mecerino so ein bißchen zu nehmen. Erst muß inan ihn: Angst machen, dann ein paar gute Worte und dann eine Flasche Sekt..."
Neber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 8.
X.
Wir standen vor Mecerinos Thür. Seine hallenden Schritte gaben uns ein deutliches Bild, mit welcher düsteren Gemessenheit er all seine seinen Toiletten- parsüms in seinen juchtenen Handkoffer packte.
Die Spatz klopfte erst gar nicht an.
„Er will abreisen — also ist er angezogen," meinte sie sehr logisch. Und drin war sie.
„Ich bin gleich fertig," sagte er wie ein zum Tode Verurteilter. „Ich werde Zu Fuß gehen, denn einen Wagen stellt mir der Cohn natürlich nicht. — Meine Koffer bringen Sie mir Wohl morgen mit."
„Davon kann gar nicht die Rede sein," versetzte die Spatz hell.
„Sie sind ja so abweisend."
„Ich soll Sie wohl gar noch kajolieren mit der. Aussicht auf den Heidenskandal?"
„Skandal?" Er legte würdevoll seine Seife in ein silbernes Futteral, das Bolle ihm geschenkt. Dian merkte es ihm an, so ganz natürlich war seine Gemessenheit nicht.
„Denken Sie, die Presse von heutzutage läßt sich so was, wie Ihre Ausreißerei, entgehen? 'runtermachen wird man Sie, daß kein gutes Feder- chen an Ihnen, kein schöner Ton in Ihnen bleibt. Die Presse —"
„Aus die pfeif' ich!"
„Dann pfeifen Sie nur, pfeifen Sie nur! Wenn alle die Artikelchen kommen, wird Ihnen das Pfeifen schon vergehen. — Und ein schönes Denkmal, das Sie sich hier setzen."
„Ist mir egal."
Die Seife war in der Kofferecke festgestopst — er hatte nichts mehr zu packen. Mit verschränkten Armen stellte er sich vor die Spatz hin.
„Na — noch was?"
„Jawohl, noch was. Mit mir sind Sie für künftige Konzertreisen fertig! Ich begleite Ihnen beileibe nie mehr, wenn Sie abreisen. Denken Sie, ich lasse mir solch eine — eine — eine — eine —"
Er bekam einen feuerroten Kops. Jetzt lies der Aerger über.
„Zum Schockschwerenot, ich muß mich aber rächen! Meine Galle ist ganz geschwollen, sage ich Ihnen." Ergriff sich an die Gurgel. „ Es würgt mich ordentlich! Mir ist schlecht, sage ich Ihnen! Ich muß mich rächen, sage ich Ihnen, ich muß, oder ich werde krank!"
Spätzchen war nahe am Lachen, aber sie verkniff sich's.
„So rächen Sie sich doch — meinetwegen! Nur schlagen Sie sich nicht selbst ins Gesicht. Wenn die Presse über Sie herfällt, so ist das für Sie viel schlimmer. Weeß Kneppchen, Mecerino, Sie
sind doch sonst ein einsichtsvoller Mensch! Und dann sind unsre Fahrkarten auch schon bezahlt. Sie müssen sich doch vor Bolle schämen, wenn —"
„Vor dem?" fuhr er auslachend dazwischen.
„Und die Goldstein lacht sich auch ins Fäustchen, wenn Sie ihrethalben verduften. Der Sieger behauptet das Feld!" Sie schlug mit der geballten Rechten in die flache Hand.
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