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Kine Künstlerfahrt nach Katt-Asien.
XI.
Die nächsten Zwei Stunden füllten wir durch einen Erholungsschlummer aus. Nur die Spatz hatte der Gedanke an ihre neue meergrüne Konzerttoilette nicht lange schlafen lassen.
Als ich erwachte, knisterte sie schon im Meergrünen herum und stellte sich den unzureichenden Gasthofspiegel mittels Stuhl, Fußbank und Tisch für alle Breitengrade ihres Körpers zurecht. Ich mußte lächeln, als ich sie so sah, glatt und schillernd wie ein bronzener Fontänensisch. Ein üppiger Rosenstrauß prunkte ihr am Ausschnitt. Vorläufig saß er noch etwas schief, aber er wirkte doch so gewaltig, daß man von der kleinen Erscheinung nicht Zuerst den Kopf, sondern die Busendekoration bestaunte. Natürlich machte das Meergrüne sie etwas bleich; dem hals aber der Friseur, der Mecerino Haar und Schnurrbart brannte, mit einer lebhaften Theatersarbe ab.
Wie sie da stand, mußte ich sie mir unwillkürlich am Flügel malen. Ob sie in dem enganliegenden grünen Atlasdarm überhaupt sitzen konnte, erschien mir fraglich. Und dann — ja — wo war denn bei dieser Engigkeit die Tasche für die folgerichtige Manipulation? Das Taschentuch in der Hand vergißt sich, verliert sich; es muß in der Tasche stecken, um da zu sein.
Ich fragte. Sie schlug mit der flachen Hand gegen die Lende. „Im Unterrock Hab' ich's."
„ Stecken Sie's doch lieber in den Taillenausschnitt hinter den Nosentuff; da haben Sie's besser zur Hand."
„Ei gar! Das könnte Anstoß erregen! Ich werd's schon beizeiten Hervorkriegen."
Ich hatte gegen den Gemüsebeutel im Unterrock eine ahnungsvolle Abneigung.
„Das thät' ich nicht," riet ich ab. „Wenn Sie nun nicht rechtzeitig daran denken..."
„Ei gar! Sie thnn gerade, als wär' ich 'ne Faselliese!" — —
Wie ein kleiner Wallfahrtszug bewegte sich die Einwohnerschaft Rempens nach der Konzerthalle, wo der unbemitteltere Teil sich in das Lager Levisons schlug, während die, die etwas galten und gelten wollten, in die Konzerthalle strömten. Auch die Straßengaffer fehlten nicht.
Wir durchquerten im offenen Landauer die Menge, die uns anstaunte, als hielte der König von Honolulu seinen Einzug. Allerdings machte sich Spätzchen sehr funkelnagelneu, und Mecerino — man konnte allerdings keinen befriedigenderen Augenschmaus haben, als diesen nachlässig in die Polster gelehnten schönen Mann, der mit blasiertem Lächeln über die allgemeine Aufmerksamkeit quittierte. -
Die Fenster des Hauses Levison waren dicht besetzt. Levison selber, ein kleiner, untersetzter Mann mit dicker Nase, dickem schwarzen Schnurrbart und einem eingesunkenen Auge, machte sehr beflissen die Honneurs bei seinem Publikum, das lebhaft schwatzte und viel von den belegten Butterschnitten vertilgte, die ein kleiner Junge auf einem verzinnten Brett herumreichte. Die Damen waren auffallend geputzt;
es blitzte «manch schönes schwarzes Auge aus jugendlichen Zügen.
Wir fuhren in das weitgeöffnete Hosthor ein, das sich hinter uns schloß.
Jeremias, der uns gefahren, kletterte vom Bock und band die Pferde an den Pumpenschwengel, der einen quietschenden Ton von sich gab. Der Hof sah aus wie eine grüne Wiese, umgrenzt von verfallenen Stallungen und einem halb eingesunkenen Bretterzaun.
Durch ein kleines Labyrinth von Gängen gelangten wir endlich Zu der mir bekannten Wendeltreppe.
Cohn hatte mehrere Lichtstümpfchen in der Tasche, die er anzündete und auf dem backsteingepflasterten Fußboden aufstellte, so daß man sich an diesem leuchtenden Ariadnefaden leicht aus dem Gewirr von Gängen ins Freie finden konnte.
„Wozu machen Sie denn das?" orientierte sich natürlich die Spatz.
„Im Fall einem schlecht wird," versetzte er prompt.
Auf der Bühne empfing uns im Schmuck einer Blumenguirlande der mit Oel behandelte Gold- steinsche Flügel. Ein stummes Opferlamm! Nur noch Hörner und ein Bein mehr, und die Ochsen hätten ihn für einen Preisgekrönten von ihresgleichen gehalten. Ich hatte schon so manches Bekränzte in meinem Leben gesehen: eine Braut, eine Torte, eine Bowle, einen Jubilar — aber einen Flügel. . . Ganz was Neues.
„Meine Idee!" sagte Cohn stolz, meinen Gesichtsausdruck verkennend. „Das Hab' ich gemacht, um der Gold stein zu schmeicheln."
„Er ist ja aber noch immer verschlossen!" ries die Spatz erschrocken.
„Kann ich dafür?" erwiderte Cohn und setzte ironisch hinzu: „Er hat doch selber beinah' erdrosselt die Goldstein und hat 'n Schlüssel nicht gekriegt."
Mecerino, der sich, seitdem er im Frack steckte, unaufhörlich an die Kehle faßte, wie um sich zu überzeugen, ob alle seine Töne auch noch da wären, wechselte die Farbe.
„Teurer Freund," sagte er drohend, „erinnern Sie mich nicht an jene Stunde, sonst kommt die Reihe, erdrosselt ^u werden, an Sie."
Cohn drückte sich, ohne etwas zu erwidern.
Da trat aus dem Dunkel des Theaterraumes ein jüngerer Mann hervor, der sich verbindlich gegen uns verneigte.
Sofort erkannte ich jenen „Cousin", den Jeremias am Mittag durch den Cohnschen Eßsaal geführt hatte. Er war von elegantem Wuchs und sicheren Bewegungen, die verrieten, daß er oft und gewandt das Parkett der höheren Gesellschaft beschritten. Die innere Plumpheit, die unabstreifbar durch Mecerinos Wesen brach, wurde bei jenem durch eine gewisse Gefälligkeit der äußeren Formen angenehm ersetzt. Aus seinem ovalen, bräunlich getönten Gesicht blitzte ein Paar lebhafter Augen, die wohl ein großes Selbstbewußtsein sprühten, aber von Eitelkeit nichts verrieten. Wenn er die Wimpern leicht senkte, schimmerten seine Augen tief und melancholisch, — echte Künstleraugen, leidenschaftlich