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Ueber Land und Weer.
und voll südlicher Poesie. Seine Hände sielen mir ans. Sie waren weiblich zart und sorgsältig gepflegt. Mir erschienen sie fast durchsichtig, so daß ich die Nerven in den Fingerspitzen vibrieren zu sehen vermeinte.
„Ich wollte mich Ihnen vorstellen," sagte er in gebrochenem Deutsch, mit fremdartig rollendem „N", und murmelte seinen Namen:
„Selmar Stenscewicz."
Mir bot der Name keine Ueberraschung.
Mecerino verbeugte sich.
„Ich bin Künstler," fuhr jener fort, „und wollte bei meiner kurzen Anwesenheit in meiner Vaterstadt nicht versäumen, einem so berühmten Sänger meine Huldigung darzubringen."
Mir schien es, als habe Isidor diesen Künstlergruß veranlaßt.
Mecerino durchdrang die kräftige Schmeichelei wie Honigseim. Räuspernd faßte er sich an die Kehle und erwiderte mit Gönnermiene:
„Haben Sie schon konzertiert?"
„Mehrfach."
„Wo denn?" Es klang, als wenn ein Schulrat einen Sextaner verhört.
Stenscewicz lächelte überlegen. „In Warschau, Dorpat, Paris, Philadelphia, Chicago —"
Mecerino machte ein Gesicht, als ob jener schnurrte.
„Ueberseeisch sogar? — Mit Erfolg?"
„Ich schmeichle mir — ja."
„Warum kommen Sie nicht zu uns nach Breslau — Berlin — "
Eine kurze Pause. „Ich bin Pole; Sie werden verstehen —"
„Hm — Pianist?"
„Ganz recht."
Mecerino hatte genug. Er wußte nichts weiter zu sagen. Zudem war er seit unsrer Ankunft in der Konzerthalle merkwürdig nervös.
Er klemmte das Monocle ins Auge und strich den Schnurrbart.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht Zu haben." Gnädig streckte er dem jungen Mann die Hand hin.
„Verzeihen Sie —" sägte dieser halblaut, „eine unbescheidene Bitte. Erlauben Sie und die Damen wohl —" er wandte sich mit halber Verbeugung gegen uns, „daß ich auf der Bühne bleibe — oder geniert Sie das?"
„ O bitte, bitte," machte Mecerino, „ als Künstler —"
Selmar Stenscewicz dankte und schleuderte langsam und bescheiden bis hinter die erste Coulisse Zunächst der Lampen.
„Ein reizender Mensch!" flüsterte die Spatz hörbar. „Zum Verlieben! Sehen Sie doch nur, Hagemännchen, wie er geht, wie er sich da anlehnt — wie 'n Märchenprinz!"
Da saß ihr Mecerinos Hand im Nacken.
„Au! — Sie Grobian!"
Er schüttelte sie ein wenig und vergaß das z Räuspern: „Ich werde Sie lehren, sich in dunkle Größen Zu verlieben!"
Sie schlug mit der Hand nach ihm.
„Ich kann machen, was ich will. Ich bin frei und habe niemand anders zu lieben. Also bekümmern Sie sich gefälligst nicht um meine Gefühle für diesen Märchenprinzen! Zweimal sag' ich's, damit Sie sich daran gewöhnen: Er ist zum Verlieben! Zum Verlieben ist er!"
Er zog ein saures Gesicht und ging verstimmt ab.
Daß sie ihm nicht gleichgültig war, das lag offen auf der Hand, daß seine Zuneigung aber schon den Höhegrad verstimmter Eifersucht erreicht, das war ein gutes Omen für Spätzchens Zukunftsglück.
Sie war an eines der Gucklöcher im Vorhang geeilt und winkte mich zu sich. Wir guckten, ich allerdings mehr ins Publikum und sie meistenteils über die Schultern nach Mecerino.
Der Saal hatte sich so ziemlich gefüllt. Es herrschte die andachtsvoll erwartende Stille eines musikalischen Publikums, die uns angenehm beeinflußte.
Jetzt aber rauschte eine Bewegung durch den Saal. Sämtliche Köpfe drehten sich nach der Thür. Der allerwärts geflüsterte Ausruf tönte zu uns heraus: „Die Goldstein! Die Goldstein und die Glasphyra!"
Wie ein römischer Triumphator segelte sie herein. Ihr üppiger Wuchs kan: allseitig voll zur Geltung in dem rubinfarbenen Velvetkleid, dessen Taille sie fest umschloß, und dessen Rock außer der Schleppe kaum eine Falte warf. Damen nennen so etwas: eingeknallt. Neu sah das Ganze gerade nicht aus. Ihren schwarzen unechten Scheitel umwallten Straußenfedern.
Glasphyra erschien gegen die ausgesuchte Frau, der sie folgte, auffallend einfach in ihren: weißen Nesselkleide, das frisch ausgebügelt war. Ihre Haltung war von einer idealen Ruhe, die keine Erziehung verleiht, sondern die sich bei tiefen Naturen selbständig entwickelt. Aber ihre Augen huschten unruhig über die dichtbesetzten Stuhlreihen, als irrten sie nach einem ersehnten oder bestimmt erwarteten Gegenstände umher.
Plötzlich ein tiefdunkles Erröten. Aus der vordersten Coulisse war erscheinnngsgleich Stenscewicz vor den Vorhang getreten und wieder verschwunden. Glasphyra lächelte selig und schlug die Augen nieder.
Die Goldstein hatte diesen Vorgang nicht bemerkt. Sie steuerte nach der vordersten Reihe und erreichte sie soeben, als Cohn ihr aus der Seitenthür entgegenstürmte.
„Frau Goldstein, geben Sie 'n Schlüssel, es ist die höchste Zeit." Ihr Haupt hob sich hochmütig in den Nacken. Dann zog sie mit einem stechenden Blick auf den Bühnenvorhang, hinter dem sie Mecerino wußte, den sehnsüchtig begehrten Schlüssel aus der Tasche. Cohn, der gierigen Auges ihrer Bewegung gefolgt war, haschte danach.
„Hoho," sagte sie und wich seinem Griffe aus. „Sie hatten mir versprochen einen Ehrenplatz ans der Bühne —"