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Knie Künjil'erfaijrt nach Kalö-Lsien.
„Soll'n Sie haben, soll'n Sie haben, — nur geben Sie — —"
„Erst den Ehrenplatz, dann den Schlüssel. Hat doch der Mecerino heut mittag gesagt, —" ihre Stimme klang laut und schneidend — „der Platz auf der Bühne war' nichts für mich. Da könnt' ich die Akkustik mit der Lupe suchen. Nun — was brauch' ich die Akkustik? Hab' ich doch bei mir die Glasphyra. Die kann mir geben 's Mäntelchen, wenn mir kühl wird, und 's Riechsalz, wenn mir schlecht wird. Zu was Hab' ich geborgt den Flügel gratis?! Wenn der Mecerino Zehnmal hat gesagt, ich soll sitzen unten im Saale — ist mir gleich. Ich will haben einen Ehrenplatz. Oben bei meinem Flügel will ich sitzen. Ich Hab' ein Recht, zu hören die Musik aus allererster Quelle."
Cohn wand sich während dieses Vortrags, den er vergeblich zu unterbrechen versucht hatte, vor nervöser Aufregung.
„Geben Sie 'n Schlüssel und kommen Sie mit!" rief er in höchster Ekstase.
„Die Glasphyra soll sitzen hinter mir."
„Ja doch! Ja doch!"
Endlich setzte sie sich in Bewegung. Unter Pusten, Stöhnen und Seufzen erfolgte ihre Auffahrt zur Bühue.
„Pph — Pph —" ihr Taschentuch schlug gegen die roten Wangen. „Gott, wie 'ne Hitze! — Hier ist der Schlüssel."
Gott sei Lob und Dank — endlich!
Der Schlüssel steckte, und die Goldstein, als hätte sie damit ihre Seele vom Körper gelöst, sank kraftlos auf eines jener vor die Coulisse gerückten Klappstühlchen nieder, das ihrer Schwere wahrhaftig widerstand.
Glasphyra lehnte sich träumerisch gegen die Coulisse und versank in Sinnen. Es war, als sei das, was um sie vorging, für sie nur ein farbloses Schauspiel, das den Hintergrund zu dem bildete, was sich in ihrem Innern begab. Nur durch die Coulissenleinwand von ihr getrennt, stand der, den sie liebte.
Die Spatz hatte das Instrument geöffnet und spannte die Hand über die kleine Oktave. Dann drückte sie vorsichtig einige Dreiklänge nieder.
„Steht richtig," sagte Mecerino, der bestätigend seine Stimmgabel schwang und voeo mehrere
verschleierte Kadenzen von sich gab. „Los, Isidor, es ist sieben."
Cohn schlüpfte an Glasphyra vorbei. „Der Wagen ist unten im Hof."
Sie that, als gälten die Worte nicht ihr.
„Was hat denn der Cohn immer und ewig mit dir zu schmusen?" sagte die Goldstein argwöhnisch. „Heute mittag auch schon."
Das Glockenzeichen ertönte. Aus rauschte der Vorhang. Aus der Bühne der geschmückte Flügel und die geputzte Goldstein. Das war schon etwas.
Und nun tauchte stimmungsvoll im Meergrünen die geschminkte Spatz aus der Coulisse. Sie sah so blühend aus wie vor zehn Jahren, als sie noch sechzehn war. Ob sie sich aber damals schöner und
fascinierender gefühlt, steht dahin. Auf ihrem Gesicht stand's geschrieben, daß sie ihres guten Eindrucks gewiß war.
Ein Murmeln des Beifalls taucht auf und verschwindet.
Sie setzt sich mit der Aussicht aus die Goldstein, uns den Rücken kehrend. Sie ist ganz Musik. Ihre Gesichtsmuskeln erschlaffen einen Moment, um sich zugleich mit der Haltung intensiv zu spannen. Die Schleppe umflutet sie in herrlichen Falten... ihr kleiner Fuß sucht das Pedal... die Handschuhe fliegen von den Fingern, ihnen folgen die Armspangen . . . Jetzt kommt das Taschentuch.
Ihre Hand fährt mechanisch dahin, wo sie stets die Tasche findet, gleitet abtvärts . . . Spätzchen wird bleich; sie schüttelt die Hände, sie streckt sie von sich, reibt sie, alles konvulsivisch.
„Herrgott, Mecerino — sie hat kein Taschentuch!" bricht's mir aus der gefolterten Seele.
„Alle Schock! Werfen Sie ihr Ihres zu."
Ich fahre in die Tasche . . . entsetzlich! Ich, die Pedanterie selber — ich, die ich Spätzchen so weisheitsvoll gewarnt — ich hab's auch vergessen.
Ohne Taschentuch-Präludium kann sie nicht spielen. Den Fingern würde etwas fehlen... sie würden unsicher sein . . . würden entgleisen . . .
„Helsen Sie ihr ans, Mecerino," entfährt es mir.
„Zum Teufel — ua ja."
Dabei Zieht er auch schon seine riesenhafte rotseidene Freudenflagge aus der Piquöweste. Im Nu ist sie Zum Knäuel geballt.
„UmS Himmels willen!" stoße ich aus und will hindernd seinen Arm fassen.
Zu spät. Meine Hand giebt seinem Ellbogen nur einen ungeschickten Stoß, der die Zielrichtung erschüttert. Die Rettungsboje fliegt, anstatt auf die Klaviatur, hart am Ohre der ahnungslosen Spatz vorbei und schießt, wie scharf gezielt, der Goldstein ins Gesicht. An ihrer Nase prallt die Kugel ab und kollert in die weiche Ruhestatt ihres Schoßes.
Wie eine getretene Natter zuckt sie auf. Im ersten Impuls greift sie nach der Nase, und dann schüttelt sie, das Geschoß mit Abscheu hinter sich schleudernd, zornsunkelnden Blickes die volle Faust gegen Mecerino. Der erwidert die öffentliche Feindseligkeit durch ein höhnisches Kompliment.
Die Goldstein pustet, die Goldstein faucht; sie hat für nichts andres Sinn und Gedanken als für den durch diesen Zwischenfall Zur Flamme augeiachten Haß gegen Mecerino. Aus ihren Augen springen Schlangen — das Vergelt' ich dir noch heut!
Unterdessen hatte die Spatz sich aus ihre Weise geholfen. Ohne Taschentuch ging's nun einmal nicht; also ein kurzer Entschluß! Zum Erstaunen des Publikums erhebt sie sich noch einmal, wallt hinter den Flügel, und dort rafft sie, ihre obere Hälfte durch den geschmückten Flügel gedeckt, das Meergrüne seitlings empor und zerrt das Taschentuch aus dem Gemüsebeutel.
Nun ist alles wieder in der Ordnung, nun kann sie beginnen.
Endlich der erste Accord.