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Ueber Land und Meer.
Beruhigt schweifen meine Angen über die Bühne. Ich sehe, wie Isidor einen Blick des Einverständnisses mit Glasphyra wechselt, wie er mit leiser, vorsichtiger Bewegung sich vor das Mädchen dicht hinter die Goldstein schiebt, wie jenes noch einen Augenblick unschlüssig, ängstlich Zaudert und dann znrückgleitet...
Wo ist Stenscewicz geblieben? . . .
Die Spatz spielt. Sie spielt eines jener Chopinschen Impromptus, die wie das Tonbild eines Liebes- lendemains erscheinen, voll überquellenden Gefühls, voll graziöser Schelmerei. Sie spielt meisterhaft.
Plötzlich stockt die Passage. Ein Moment erschrockenen Abbrechens... alle Farbe entweicht aus dem Antlitz der Weltentrückten ... sie ist konsterniert, konsterniert bis zur Verwirrung. Doch sie faßt sich. Mit der Geschwindigkeit des elektrischen Funkens schleudert sie den Daumen der rechten Hand an verschiedenen Stellen der Tastatur empor, spielt weiter, wiederholt das Kunststück — und wieder — und wieder.
„Da klemmen sich ja Töne!" zischt Mecerino und schleudert der Goldstein einen Blick der Vernichtung zu. Sie empfängt ihn mit dem Ausdruck stummen Triumphes. ,Warum hast du mich geschmissen!' ruft ihr ganzes feuerrotes Antlitz. ,Nmi ist euch das sehr recht. An dir werd' ich noch eine aparte Revanche üben.'
„Natter," zischt er, „das hast du gewußt! — Na, du wirst dich noch freuen!"
Die gute Spatz zerbrach sich beinah' die Finger; aber sie führte es herrlich hinaus. Aufgelöst, atemlos stürzte sie nach vollendetem Impromptu unter rauschendem Applaus zu uns hinter die Coulissen.
„Das war ja die reine Todesqual!" Wahrhaftig, sie fing nachträglich an zu zittern und Zu transpirieren, während ihre Züge die Spuren der überwundenen Angst und Aufregung trugen. „Erst blieb das I) sitzen, dann das L und endlich sogar das 0."
„Verwünscht!" knirschte Mecerino. „Aber seien Sie nur ruhig: Sie bleiben nicht sitzen!"
Ihr seines Taschentuch fächelte ihrem erhitzten Gesicht Kühlung zu. Sie sah ihn nicht an. Die Anspielung war zu deutlich. Ich vermute, daß sie errötete; aber zu sehen war's bei der Schminke und der Erregung nicht.
„Aber sagen Sie nur, warum haben Sie das Intermezzo hinter dem Flügel eingeschoben?" lächelte er nun mit einer Gutmütigkeit, die den Verliebten eigen. „Ich dachte bei Gott, Sie wollten sich hinter dem Flügel ausziehen."
„Ach, lassen Sie Ihre schlechten Witze," erwiderte sie, sich unausgesetzt Luft zufächelnd. „Das sage ich Ihnen, ein zweites Mal kriegen Sie mich nicht aufs Schafott. Dagegen ist Geköpftwerden 'ne süße Speise. Und nun sehen Sie nur die Goldstein an! Sitzt sie nicht da, als hätte sie den verstockten Jammerkasten selbst ausgebrütet und wäre noch stolz darauf?"
Wahrhaftig! Die Goldstein schwamm förmlich in Befriedigung. Cohn stand in ihrer nächsten Nähe, hatte sich Zu ihr niedergebeugt und flüsterte ihr, immer
mit leichten Gesten nach uns hinweisend, lebhafte Bemerkungen über uns Zu, die ihr Interesse trafen und ihr empörte, eifrig gezischte Gegenreden entlockten. So geschickt wußte er ihre Aufmerksamkeit Zu fesseln, daß sie nicht daran dachte, sich nach Glasphyra umzusehen.
„Wie ich die Frau jetzt hasse!" machte Spätzchen ihrer Entrüstung Luft.
„Seien Sie ruhig, kleiner Sprühteufel, Sie werden in der nächsten halben Stunde fürchterlich gerochen werden. Bolle —"
„Weiter! weiter!" rief uns Cohn über die Bühne zu.
„Kommen Sie nur, Spätzchen, —" Mecerino reichte ihr den Arm — „wir beide gehören doch einmal zusammen vors Publikum. Und ob die paar- lumpigen Töne sitzen bleiben —"
Sie gingen hinaus und verbeugten sich; man applaudierte, denn Cohn gab das dazu einladende Zeichen so deutlich wie nur möglich.
Mecerino trat vor und öffnete sein Notenheft.
Er nahm seine schönste Pose an, machte sein wehmutvollstes Gesicht; sein Auge klappte nach oben. So erwartete er seinen ersten Ton. Spätzchen schlug die vier einleitenden Accorde nieder, indem sie nach jedem einzelnen die sitzengebliebenen Tasten in die Höhe kratzte.
„Das Meer erglänzte weit hinaus Im letzten Abendscheine —"
Fast die meisten vom Publikum hielten die Köpfe schief; die Musik floß ihnen so wohlig, so bekannt in die Ohren. Wo wäre „Am Meer" unbekannt!
Da, — welch störendes Geräusch! Ein Wagen, welcher über das Pflaster rollte.
Ein Wagen war in Rempen immer ein Ereignis. Ein Wagen zu dieser Zeit war ein doppeltes Ereignis. Wer kam? Wer ging?
„Nanu?" sagte die Goldstein ganz laut, absichtsvoll mitten ins „Meer" hinein.
Wirksamer konnte sie Mecerino nicht kränken. Er setzte ab und drehte sich um. Und so kam Cohns halbgeflüsterte Antwort zu aller Ohren:
„Das sind die Wagen."
„Was für Wagen?" fragte die Goldstein ungeniert weiter, indem sie, mit einem Auge nach Mecerino schielend, mit gesättigter Bosheit genoß, wie er innerlich schäumte.
Als Cohn wahrnahm, daß Mecerino seinen Gesang nicht gleich fortsetzte, gab er wiederum eine laute Antwort; und es war ihm sehr recht, daß alle Zweimarkzuhörer sie Zur eignen Genugthuung verstanden.
„Nu, ich lasse den Aron und den Jakob mit den beiden schweren Leiterwagen immer fahren auf und ab in der Straße, damit die Zuhörer beim Levison nichts können profitieren von der Musik."
Die Goldstein warf einen Blick durch die Fenster. — Jeremias mit seinem Landauer und dem Liebespaar war schon passiert.
Soeben Zog Aron mit seinem Fuhrwerk vorüber. Auf dem Wagen lagen Zum Ueberfluß einige lange.