Heft 
(1897) 08
Seite
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Hine Küiistl'erfaljrt nach Kalö-Lsien.

eiserne Stangen, die das Rasseln eines Geschützes noch übertrafen. Dann kam Jakob mit einem Bretterwagen, der durch zwei eiserne Oefen belastet war.

Glasphyras Abfahrt war glänzend maskiert.

Die Goldstein starrte Cohn mit offenem Munde staunend an. Er hatte die Wagen fahren lassen, damit das Publikum, das nur ein Siebentel des Eintrittspreises bezahlt hatte, auch nur ein Siebentel des Konzerts genießen konnte! Das war genial! Solche Geschäftsgewandtheit nötigte ihr die höchste Anerkennung ab: der Cohn war dem Levison über!

Mecerino stand noch immer da wie ein ägyptisches Götzenbild. Die Hände über dem Magen vereint, darin das rote Notenheft, den Kops geneigt, Zorn und Mißbilligung zwischen den Brauen. So stand er regungslos.

Cohn setzte die Hände an den Mund:Weiter! weiter!" denn das Publikum wurde unruhig.

Und merkwürdig, Mecerino sang, obwohl die Wagen schleppend abermals ihre Fensterpromenade machten und dröhnend wiederum vorüberrasselten. Er begann das Lied noch einmal und zwar mit einer gewissen triumphierenden Freude.

In der Mitte des ersten Verses ich kann nicht leugnen, daß sich mein Interesse gleich dem der meisten Zuhörer aus den Vorgang draußen richtete wurde das Geräusch des Wagendonnerns durch heftigen Lärm, der in Geschrei ausartete, über­tönt. Gerade vor den Fenstern der Konzerthatte spielte sich ein bewegtes Schauspiel ab. Levisons Leute" hatten an dem störenden Eingriff in ihren billigenKunstgenuß mit Butterschnitten" argen Anstoß genommen. Dringend hatten sie vom Wirt vollen Genuß ihrer Rechte verlangt und schließlich mehrere Delegierte hinausgeschickt, die sich den Cohn- schen Rosselenkern entgegenwersen und die Pferde ausspannen sollten.

Aber auch in den Brüdern Cohn regte sich ein Tropfen Makkabäerblut.

Sie schwangen ihre Peitschen, ließen sie über den Köpfen der Ruhestifter pfeifen und erhoben ein lautes Kriegsgeschrei. Die Lastpferde setzten sich in Trab. Levison erschien, zeterte, gestikulierte und hielt sich in sicherer Entfernung.

Und noch immer sang Mecerino.

Als Cohn die ihm widerwärtige Stimme Levisons hörte, trieb es auch ihn in den Kampf der Wagen und des Gedränges.

Ausspannen!" rief Levison wütend von seiner Hausthür aus.

Zufuhren!" schrie Cohn mit wilder Freude.

So reißt doch die Pferde los vom Wagen!" Zeterte Levison.

So fahrt doch die Leute übern Haufen!" Pfiff Cohn.

Die Straße ist nicht da für solche Nichts­würdigkeiten!"

Hier kann fahren, wer will! Haben Sie be­zahlt für die Musik?"

Alle haben sie bezahlt!"

Aber nicht mir!"

Aber mir!"

Dazu das Rasseln und die lebhafte Menge und Mecerino, der wie eine aufgezogene Orgelflöte sein Meer unerschüttert heruntersang . . .

Ich sah, wie aus den angrenzenden Häusern die Bewohner herbeieilten und Partei ergriffen. Hie Cohn! hie Levison! Es war ein Straßenkrawall, der seinesgleichen suchte.

Auch von unserm Publikum verließ schon ein Teil seine Plätze, um draußen handelnd oder scheltend mitzuwirken. An eine Fortsetzung der Musik war jetzt gar nicht Zu denken. Polizei schien in Rempen ein unbekanntes Rettungsmittel.

Trotz dieser außergewöhnlichen Verhältnisse er­innerte sich die Goldstein plötzlich ihrer Nichte.

Glasphyra! Wo ist die Glasphyra! Gott du Gerechter, ich hab's geahnt"

Aus einmal stand Cohn wieder neben ihr.

Was schreien Sie denn so?!"

Sie ist weg! Und ich Hab' beim Rechtsanwalt den Wert vom Kontrakt mit dem Levison schätzen müssen auf vierzigtausend Mark. Macht fünfzig Mark Spesen. Und nu ist sie weg. Schaffen Sie sie! Schaffen Sie sie!"

Isidor rannte hinaus.

In den allgemeinen Tumult hinein brach ein Mädchen, das wie eine Irrsinnige daherfuhr. Ihre Füße waren nackt, ihre Haare flogen. Aus Leibes­kräften schrie sie:

Wo ist die Goldstein? Ich muß Zur Frau Goldstein!"

In ihrer Rechten flatterte ein gelbliches Papier in Quartformat.

Was? Ein offenes Telegramm?" schrie Levison, dem Sachkenntnis und Instinkt sein verlorenes Auge ersetzten.

Zeigen Sie her, zeigen Sie her!" forderte Cohn, indem er durch die Menge steuerte. Beide stürzten im Wettlauf auf das Mädchen los, welches das Volk sogleich umflutete.

Es ist passiert ein großes Unglück!" schrie die von innerem Entsetzen Gehetzte den Zudringlichen entgegen und stieß, das Telegramm in der Notwehr zusammenballend, so daß sie's mit der Linken zu schützen vermochte, sich mit der Rechten einen Weg nach dem Eingang der Konzerthalle.

Ist sie drin, noch drin, die Frau Goldstein?"

Wer dachte noch an die Wagen, deren Lenker jetzt mit der Menge hinter dem Mädchen herdrängten!

Wie eine Rasende fuhr dasselbe, den Zettel wieder über dem Haupte schwingend, in die Konzert­halle ein.

Wo ist die Frau Goldstein? Es ist passiert ein großes Unglück!"

So gelangte sie unter die Lampen.

Die Goldstein fuhr mit der Hand nach dem Herzen.

Hat sie mir etwa gestohlen meine Brillant- broche?" Sie meinte Glasphyra.

Das Mädchen hörte nichts.

Hier! hier! Ein großes Unglück!"

Die Betroffene stand schon vor den Lampen.