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Ueöer Land und Weer.
„Nehmen Sie doch!"
Mühsam faßte sie das ihr entgegengestreckte Telegramm.
Mecerino hatte schon vorhin im vorletzten Takte abgebrochen. Die letzten Schmerzensschluchzer des thränenvergifteten Jünglings ließ er ungesungen. Er begab sich zur Spatz und kicherte ihr etwas Längeres ins Ohr. Spätzchen war erst erschrocken; dann kicherte auch sie und raffte mit ihm die Noten zusammen.
Das Publikum hatte sich erhoben, verschoben, in Gruppen gesondert. Alle starrten scheu, gespannt nach der vom Glück begünstigten Frau Goldstein, die jetzt aus offener Bühne vor einer Unglücksbotschaft stand. Was konnte es sein? . . . Die Goldstein hatte mit Zitternder Hand den Zwicker auf die Nase geklemmt und hob und wendete nun die geglättete blaue Schrift, die ihr wohl vor den Augen tanzen mußte, ins rechte Lampenlicht.
Es war ein unheimlicher Augenblick! Sie liest — sie starrt — sie wird bleich, bleich wie die Kalkwand hinter ihr.
„Glasphyra ..." stöhnt sie — „der Levison —" die Stimme bricht ihr, sie ringt nach Atem.
„Wasser! Wasser!" schreit Cohn in nächster Nähe. „Wasser! Sie stirbt!" Niemand folgt dem Ruse.
Und sie stirbt nicht. Vielmehr richtet sie sich mit der Kraft energischen Wollens zur vollen Höhe auf. Und das Telegramm in gestrecktem Arm von sich haltend schreit sie den Inhalt den Menschen zu, die mit weit aufgerisseneu Augen vor ihr warten, bangen, fürchten:
„Joel und Levison sind pleite!"
Sie schreit es gellend, wie den letzten Schmerzensschrei, den eine menschliche Brust hervorbringt.
Und nun bricht sie zusammen.
Ich eile hinzu.
„Glasphyra!" stammelt die halb Betäubte.
Mein fragender Blick trifft Cohn, der erschreckt mit seinem roten Kopf über den Lampen auftaucht.
„Die kommt nie wieder!" grinst er. „Aberden Levison, den werde ich holen."
Ich schicke das Dienstmädchen der Goldstein nach dem Wagen, nach Wasser, nach Cognac, nach Eau de Cologne. . . Und niemand da, mir beizustehen! Die Spatz weg, Mecerino weg! Cohn wogt mit dem Menschenstrom, taub aus dem Ohr der Nächstenliebe, hinaus.
Das drängt und schiebt und stößt und schreit sich zu und flutet und ist außer sich. Jeder hat einen Verlust zu beklagen; wenn's auch gering ist, jeder ist mit getroffen. Wie ein Echo tönt der verhallte Klageruf der Goldstein durch die Straßen; ein trauriger Kanon, sich stets erneuend und wiederholend :
„Joel und Levison sind pleite!"
Levison hört es und stürzt sich unter die Menge.
„Das ist nicht wahr!" schreit er. „Wer das gesagt hat, der hat gelogen! Der Joel hat gestern sogar gemacht einen großen Rabbes an der Börse..."
Man glaubte ihm nicht. Wem darf man glauben? Der Verständige, Vorsichtige weiß: nur das Schlimme ist wahr. In Rempen ist jeder verständig und vorsichtig. Man hat das Telegramm gesehen! Man hat es die Goldstein rufen hören! Man hat sie ohnmächtig werden sehen; folglich ist es wahr.
Es war eine schauerliche Viertelstunde. Der erleuchtete öde Saal, — die verlassene Bühne, bestrahlt von den Blendlampen, —- die farblose Frau in totenähnlicher Bewußtlosigkeit, — ich im Gesellschaftskleide neben ihr als einzige Hilfe.
Ich hatte ihr das Oberkleid geöffnet und rieb ihr die Hände.
Endlich regte sie sich. Einmal schlug sie die Augen auf. Sehr möglich, daß sie trotzdem nichts sah.
„Glasphyra," murmelte sie kaum verständlich, „wo mich gebracht hat der Levison um alles, was ich habe, — magst du heiraten — den Stenscewicz." Ein Seufzer der Schwäche. Wieder überkam sie eine Ohnmacht.
War Glasphyra zu verdammen?
Endlich kam das Dienstmädchen mit dem Riechsalz und dem Cognac zurück. Sie hielt ihr das Fläschchen unter die Nase, während ich sie in Cognac förmlich badete und ihn ihr reichlich über die Lippen goß.
Jetzt kam sie zu sich. Sie atmete, atmete tiefer; Farbe trat in ihr Gesicht. Nach einer Weile richtete sie sich auf. Sie blickte mit großen Augen im leeren Saale umher.
„Der Levison ist ein Schuft! Ein Schuft ist der Levison!" Sie ballte die Faust. „Die Glasphyra kriegt er nicht!"
Und plötzlich brach sie in Thränen aus.
Ich tröstete sie, so gut es ging, und brachte sie in ihren Wagen. Dann warf ich mein Spitzentuch über den Kopf und eilte, mein Kleid auf der menschenleeren Straße so hoch schürzend, als es für meinen Schritt bequem war, mit den traurigsten Eindrücken nach dem Hotel.
XII.
Wie fand ich Mecerino und die Spatz? — Im Sofa sitzend, wieder vor einer Flasche Sekt, kreuzfidel, als wäre die ganze letzte Stunde eine Zeitspanne voll Wonne gewesen.
„Mein Gott," rief ich, „das war ja entsetzlich!"
Mecerino schmunzelte.
„ Na, Hagemännchen, gefiel Ihnen seine Revanche nicht?" fragte die Spatz.
„Welche Revanche?"
„Nun, der Spaß mit dem Telegramm!"
„Spa—a—aß . . ." Mir stand der Verstand still.
Beide sahen sich an und lachten.
„Das Telegramm trug keine Unterschrift. Es war bestellte Ware. Prosit!" Er trank sein Glas lachend aus.
Mir fiel's wie Schuppen von den Augen.
„Bolle? ..." stammelte ich.
„Natürlich Bolle. Wozu hat man denn einen guten Freund? Das nennt man prompt und verständnisinnig."