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Eine Künstl'erfahrt nach Kalb-Asien.
„Aber Mecerino!"
„Schockschwernot, prost!"
„Sie haben sich schwer versündigt!"
„Ich entsündige mich wieder."
In mir gärte ein edler Zorn. Die öde Bühne mit der ächzenden Frau stand noch zu lebhaft vor meinen Augen. Wenn auch der Streich mit dem Telegramm als toller, durch die Vorgänge entschuldbarer Leichtsinn aufgefaßt werden konnte, so erschien mir doch die Stimmung des fidelen Pärchens angesichts der allgemeinen jammervollen Bestürzung in Nempen als krasse Herzlosigkeit.
„Schämen Sie sich!" rief ich empört, und ich fühlte, wie mir Lippen und Kniee bebten; aber die Stimme kam mir volltönend aus der Tiefe der bewegten Brust, und die Worte brachen undurchdacht von meiner Zunge. „Schämen Sie sich! Das ist kein Scherz mehr; das ist eine Niedrigkeit! Sie sitzen hier und trinken und lachen, und um Sie herum quellen Thränen, die Sie grundlos veranlaßt haben! Ein Mensch hat Sie gereizt, und Ihre boshafte Rache fällt auf viele! Pfui! Schämen Sie sich!"
Ich glaubte ihn in den Boden zu schmettern, allein er blieb vergnüglich.
„Und jetzt gehe ich hin," sagte ich entschlossen, „und schreie in den Straßen aus, daß das Telegramm eine Lüge war!"
„Warten Sie doch erst Nummer zwei ab, ehe Sie mich in die Nesseln setzen," rief er aufspringend und mir den Weg vertretend. „Es wird ja nicht mehr lange dauern!"
„Bitte, lassen Sie mich gehen," sagte ich finster, „ich kann das traurige Rufen draußen nicht inehr ertragen."
„Mein Gott, dieser Eigensinn! Wo steckt denn Ihr Begriffsvermögen! Ich selbst habe ja den telegraphischen Widerruf aufs Papier gesetzt. Er muß jeden Augenblick kommen. Denken Sie, ich werde mich selber in die Patsche legend Ausrenken hat nur Witz, wenn man 's Einrenken versteht. Ich sagte ja heut mittag, daß ich nicht singen wollte. Ich habe mich schrecklich geärgert, daß ich dem alten Reff noch das ganze Meer habe vorflöten müssen."
„Sie hätte den Tod haben können."
„Sie ist aber noch lebendig?" fuhr die Spatz erschreckt auf.
„Gott sei Dank!"
„Ein volles Glas der Samariterin!" rief Mecerino und schwang seinen Kelch. „Warum haben Sie eigentlich den Krankendienst bei der Dicken übernommen? Dazu ist doch die — na, wie heißt sie — "
„Glasphyra," half Spätzchen ein.
„Die Glasphyra da."
Cohn erschien mit einer zweiten Flasche Champagner. Er hatte die letzten Worte gehört.
„Die Glasphyra," schmunzelte er, „sitzt auf der Bahn. „In drei Stunden ist sie in Czenstochau; dort wird sie morgen der Rabbiner trauen mit dem Stenscewicz."
„Ei gar!" rief die Spatz und ließ den Mund offen stehen.
Ueber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 8.
„Sie wird 'ne gute Frau werden und vielleicht noch 'ne große Sängerin. Hier hätll sie die Goldstein mit der Zeit doch unter die Erde gebracht. Und wenn sie den Levison genommen hätte — über kurz oder lang wär' sie davongelaufen. Was werd' ich nicht kennen die Glasphyra!"
„Und hinter alledem haben Sie gesteckt! Na, prost, Isidor."
Cohn streckte alle zehn Finger von sich.
„Was werd' ich meine Hände stecken in solche Geschichten? Was kommen soll, das kommt von selber."
Mecerino sah Spätzchen an.
„Was meinen Sie, kleines Ungeheuer, jetzt war' wohl der rechte Moment?"
Sie nickte.
„Verlobt!" riefen sie wie mit einer Stimme.
Sie fielen sich wie auf Kommando in die Arme und küßten sich. Und nun fiel's mir auf: der Rosenbusch von der Spatz war schon ganz zerknautscht. So etwas kommt nur vom Küssen.
„Nichtig verlobt!" rief die Spatz jubilierend.
Wir gratulierten hocherfreut. Und Mecerino eitierte:
Liebe, Liebe is mich nötig' ... Na, Isidor, wann machen Sie denn Ernst? Noch keine Schöne gefunden?"
„Wissen Sie, Mecerino, wenn ich eine gemocht hätte — hätte, sag' ich —, dann wär's nur die Glasphyra gewesen. Und die. . . Aber was bin ich gewesen für 'n kluger Mann, daß ich meine Kapitalien gekündigt habe dem Joel und Hab' sie kürzlich angelegt sicher und gut auf der Reichsbank —"
„Die Rechnung, Isidor."
„Was, wollen Sie nicht bleiben über Nacht?"
„Hier in dem verwünschten Nest?" fuhr Mecerino ans. „Da müßt' ich ja Tinte getrunken haben!"
„Aber die Konzerteinnahme..."
„Keinen Pfennig will ich davon. Denken Sie, ich nehme Geld, wenn ich nicht gesungen habe? — Und Sie? — Und Sie?" Er sah uns nacheinander an, und wir lehnten selbstverständlich ab.
„Bolle wird ihn sicherlich entschädigen," flüsterte die Spatz überzeugt. Ich hatte das Gefühl, als beabsichtigten beide, ihre Ehe aus Bolle zu gründen.
Cohn brachte die Rechnung.
Der selbstlose Mann hatte alles, aber auch alles angekreidet, sogar die Guirlande für den Flügel und das Oel, womit er „auf neu" poliert worden war.
Mecerino zahlte wie ein Fürst. „Den Wagen!" befahl er dann.
„Noch einen Augenblick; er muß gleich Zurückkommen von der Bahn; er hat auf Schnabel gewartet. Die Chaise ist für Sie dreie zu eng. . . Beehren Sie uns bald wieder. Vielleicht, daß Sie dann schon logieren können beim Levison im Hotel mit 'm Berliner Komfort..." Er blinzelte uns verschmitzt und mit boshafter Befriedigung an. „Was meinen Sie wohl, — mit welchen Gefühlen der Levison heut abend sein eines Auge zumachen wird?" Und
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