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Metier Land und Meer.
Kessel und Maschinen sind während der Erbauung des Schiffsrninpfes angefertigt. Die Schiffsmaschine wird vorher in einem Montageranm fertig aufgestellt, später auseinandergenommen und im Schiff wieder zusammengebaut. Die Kessel sind fertig, wenn sie in das Schiff gehoben werden. Sie sind die schwerste Last, die der
Kran zu bewältigen hat. Die Kessel des „Kaiser Wilhelm der Große" wiegen je 94 Tonnen, das heißt 1880 Zentner, und haben einen Durchmesser von 5 Meter. Das Schiss hat zwölf Doppel- und zwei Einenderkessel, die zusammen ein Gewicht von 25 000 Zentner ansmachen. Der große Kran nimmt diese kolossalen Gewichte mit spielender Leichtigkeit auf und setzt sie ohne Schwierigkeit ruhig und sicher an den für sie bestimmten Platz. Mittlerweile sind auch die Schornsteine fertiggestellt und werden ebenfalls mit dem Kran an ihre Stelle gehoben und befestigt. Den Schornsteinen sieht man, wenn sie angebracht sind, ihre Größe nicht an. Die vier Schornsteine des oben genannten Schnelldampfers sind zum Beispiel 13 Meter lang und haben einen Durchmesser von 4 Meter, der der Höhe eines hohen Zimmers entspricht.
Wenn die Kessel eingesetzt sind und die Maschine fertig montiert ist mit Schranbenwellen und Dampfleitungsröhren, so macht man bei festgelegtem Schiff eine Maschinenprobe, bei der sich etwa heransstellende kleine Unregelmäßigkeiten abgeündert werden. Ferner werden Dampfdiagramme ausgenommen, an denen man die Spannung des Dampfes in den Cylindern erkennen kann. Es ist eine Hauptaufgabe unsrer Maschinen-Jngenieure, ihre Maschinen so einznrichren, daß sie möglichst wenig Kohlen verbrauchen. Dian baut deshalb jetzt ausschließlich dreifache und vierfache Expansionsmaschinen mit Hochdruck-, Mitteldruck- und Niederdruck- cylindern, die die Dampfspannung in den Kesseln dreifach und vierfach ausnutzen. Diese modernen Schiffsmaschinen gebrauchen nur bis circa 0,6 Kilogramm Kohlei: herunter, wahrend die früheren einfachen Niederdrnckmaschinen sogar bis drei Kilogramm Kohlen und darüber pro Stunde und indizierte Pferdekraft gebrauchten. Die großen Schiffs- maschinen sind meist sogenannte Hammermaschiuen und nach dein Schlickschen System ausbalanciert, um Schwingungen zu vermeiden.
Die Ausrüstung eines großen transatlantischen Schnelldampfers wie „Kaiser Wilhelm der Große" erfordert eine Zeit voi: vier bis sechs Monaten, trotzdem oft über taufend Mann daran Tag und Nacht arbeiten.
Endlich ist auch diese Frist abgelaufen, das Schiff zur Probefahrt fertig. Die Mastei: mit ihren Wanten und Tauen stehen, die Anker, Ketten, Rettungsboote sind an ihrem Platz, die Decks sauber und blank, nur unter Deck in den Passagierkabinen und Salons sind noch Hunderte von Tapezierern, Malern, Tischlern beschäftigt, die letzte Hand anzulegen. Schleppdampfer nehmen den Koloß ins Tau und bugsieren ihn langsam hinaus auf die See in das tiefe Fahrwasser. Ab und zu drehen sich langsam die Schrauben des Niesen und peitschen das Wasser, daß der Schaum hoch aufspritzt. Dann geht es unter Führung eines kundigen Lotsei: hinaus in die See. Jetzt soll das Schiff zeigen, daß es den Erwartungen und Bedingungen entspricht, die gestellt sind; sowohl von den Reedern als auch von der Werft sind Bevollmächtigte an Bord, die die Leistungen prüfen.
Zuerst wird die Geschwindigkeit des Schiffes an der sogenannten gemessenen Meile erprobt: zwei Baken, iveiße Holzgerüste, die am Lande in genau einer Seemeile Entfernung ausgestellt sind. Diese gemessene Seemeile muß das Schiff in allen Gangarten durchlaufen, erst langsam, dann mit Volldampf und schließlich mit forcierter Fahrt. Mehrmals werden wiederum Indikator-Diagramme aufgenommen, durch die die jedesmalige Maschinenleistung an
gegeben wird. Wenn die Pferdestärke der Maschine, die Geschwindigkeit des Schiffes, der Kohlenverbrauch, seine Manövrierfähigkeit den Bedingungen entsprechen, so erfolgt die Abnahme seitens der Besteller. In der Regel sind diese Bedingungen so gestellt, daß für je H^-Knoten, den das Schiff mehr oder weniger in der Stunde zurücklegt, eine Prämie oder eine Konventionalstrafe festgesetzt ist.
Noch einmal kehrt das Schiff an die Werft zurück, um Kohlen und Proviant für seine Reise einzunehmen. Inzwischen sind auch die letzten Aufräumungsarbeiten vollendet, der Tag der Abreise bricht heran. Fast mit Betrübnis sieht der Erbauer das Schiff von der Werft fcheiden; noch ein letzter Flaggengruß, dann zieht es hinaus in den Kampf mit den Elementen, am Heck die deutsche Flagge, ein Stück los gewordenen deutschen Vaterlandes, ein Denkmal deutschen Geistes und deutscher Arbeit. Viele
Tausende Familien haben ihr Brot gefunden in der Zeit, in der es entstanden ist. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung haben in harter Arbeit die Vater und Söhne geschafft, bis das Riesenwerk vollendet war. Wer nicht an der Küste wohnt und das Leben und Treiben einer Hafenstadt nicht kennt, kann sich kaum ein Bild machen von dem wirtschaftlichen Aufschwung, den ganze Städte und Ortschaften durch den Bau eines großen Schiffes nehmen. Möge es deshalb unfern: Vaterlands nie an Männern fehlen, die auch der jungen deutschen Schiffbautechnik ihr Augenmerk schenken und sich ihrer annehmen. Möge noch oft ein so herrliches deutsches Schiff wie der „Kaiser Wilhelm der Große", wie „Königin Luise", „Bremen" und „Barbarossa" vom Stapel laufen zu Nutz und Frommen des Vaterlandes. Möge unsre Kriegsmarine eine:: Aufschwung nehmen, daß sie im stände ist, diese Fahrzeuge zu schützen, damit nicht der Wohlstand und die Erzeugnisse unsers Vaterlandes den: Feinde ohne Kampf in die Hände fallen.
Wusbische Sprichwörter.
Mitgeteilt von
Wladimir Lzumikow.
Der Wahrheit mag man, wie der Sonne, nicht recht ins Gesicht sehen.
Man muß sich die Frau nicht mit den Augen, sondern mit den Ohren anssuchen (nicht nach den: Aenßern, sondern nach ihrem Ruf).
Der untere Mühlstein reibt den oberen auf.
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Das Geständnis ist die Schwester der Reue.
Ohne die Bienen zu stören kann man nicht Honig essen.
Die Verleumdung ist wie die Kohle: wenn sie nicht sengt, so schwärzt sie.
X-
Auf den Feigen bellen alle Hunde.
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Klügere belehren wollen, heißt Wasser in den Fluß, und dümmere — Wasser ii: ein Sieb schütten.
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Die Furcht hat große Augen und sieht doch nichts.
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Ein Narr wirft den Stein ins Wasser, und zehn Gescheite könne!: ihn nicht herausholen.
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Allen zugleich kann auch die Sonne nicht scheinen.