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Von
Muk von Szczepansln.
H^or einem Jahr ungefähr starb in Rom der Schrift- stesier Konrad Telmann. Solange er lebte, ist er ein unermüdlicher Arbeiter gewesen, trotzdem ihn schon seit vielen Jahren ein Brustleiden quälte, — also Ehre seinem Angedenken. Auch ein hübsches Talent ging mit ihm zu Grabe, ein gewandter Erzähler, — mehr freilich nicht. Das Plötzliche seines Todes — er wurde von einem Blutstnrz befallen, als er sich anschickte, in fröhliche Gesellschaft zu gehen — drückte seinem Scheiden vielleicht auch stärker, als ihn der Tod im allgemeinen trägt, den Stempel des Tragischen auf. Trotzdem rang seine Witwe, die bekannte Malerin .vermine von Prenschen, sich die Kraft ab, noch in der Todesnacht ein Porträt des Verewigten zu malen. So
stand es damals in allen Zeitungen zu lesen; lassen wir ununtersucht, wer nicht nur die Kraft hatte, angesichts des Todes zu malen, sondern auch angesichts des Todes eine stark nach Reklame ansschauende Zeitungsnotiz zu lancieren.
Vor einigen Monaten wurde mir von nach Deutschland zurückkehrenden Rompilgern erzählt, Hermine von Preuschen treibe einen wunderlichen Kultus mit dem Andenken ihres verstorbenen Gatten. Sie habe seine Totenmaske mit den Farben des Lebens angestrichen, sie auf ein Ruhebett gelegt, eine Decke darüber gebreitet, so daß es den Eindruck mache, als liege ein menschlicher Körper auf dem Ruhebett, und im künstlich hergestellten Zwielicht lehne sie ihre Wange an die gipserne Totenmaske und halte Zwiesprache mit dem Abgeschiedenen. Ihrem und des Toten Kinde aber sage ne Herzlosigkeit nach, weil das arme Wurm nur mit Widerstreben in diesen dem merkwürdigen Kultus geweihten Raum hineinzuschleppen sei.
Das alles klang ziemlich unglaubwürdig. Wär's aber wirklich wahr gewesen, so hätte es auch die Oeffentlichkeit noch nicht weiter zu beschäftigen brauchen. Höchstens hätten vielleicht einige gute Freunde Konrad Telmanns sich verpflichtet fühlen können, einen Versuch zu machen, ob es nicht möglich sei, sein Kind den Einflüssen einer unverständigen Mutter so lange zu entziehen, bis diese zur Vernunft ge- lommen. Das; diese guten Freunde bisher noch keinen Tchritt unternommen hatten, des Toten wehrloses Kind gegen, einen solchen Ansturm auf seine Nerven zu sichern, war mir eigentlich ein Beweis, daß die ganze an und für sich ja ziemlich unwahrscheinliche Geschichte zum mindesten stark übertrieben sein müsse.
Jetzt aber macht Hermine von Prenschen Anstalten, ihren merkwürdigen Totenkultus aus dem halbverdunkelten Zimmer hinaus in die Oeffentlichkeit zu tragen. Sie, die nicht nur Malerin ist, sondern auch Dichterin zu sein glaubt, hat im Verlag von Karl Neißner, Leipzig, zwei gleich ausgestattete Bändchen erscheinen lassen — auf duukelm Untergrund den buntesten Trauerpomp —, deren eines hinterlassene Gedichte Konrad Telmanns, deren andres Her- inine von Preuschens selbstgefertigte Trauergedichte als ..Requiem für Konrad Telmann" enthält. Ueber die ersteren, unter dem bombastischen Titel „Von jenseits des Grabes" erschienenen, ist nur soviel zu sagen, daß sie ganz tüchtige Arbeiten, aber keineswegs geeignet sind, dem Namen des Verstorbenen mehr Klang zu geben, als er bereits vordem hatte. Es ist starke, aber vielleicht verzeihliche Ueberschätzung dieser Gedichte, wenn Hermine von Prenschen in der Vorrede von ihnen erhofft: „Möchten diese letzten Lieder des allzu jung, mitten im Aufstieg, aus Leben und Schaffen fortgerissenen Dichters dazu beitragen, Konrad Telmann auch als Lyriker seinem Volk, das er über alles liebte, Gemeingut werden zu lassen; daß, nennt inan die größten lyrischen Dichter unsrer Zeit, der Name des Sängers und
Ueber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 8,
Sehers ,Von jenseits des Grabes' an erster Stelle mitgenannt werde."
Wenn Hermine von Preuschen ihren Gatten überschätzt, so ist das kein Verbrechen. Wenn sie aber die Trauer um den Dahingeschiedenen in die Form einer die Oeffentlichkeit beleidigenden Geschmacklosigkeit kleidet und die Ueberschätzung ihres Gatten ihr nur als Folie für ihre eigne Selbstüberschätzung dient, dann muß sich die Frau, die Künstlerin, die Dichterin, ja sogar die trauernde Witwe eine energische Zurückweisung gefallen lassen. Das Bändchen „Noch einmal mors Imperator, ein Requiem für Konrad Telmann" ist vom Einband und dem Titel bis zu jedem Vers und jedem Gedanken darin nichts wie eine ungeheuerliche Geschmacklosigkeit, die elektrische Beleuchtung einer posierenden und selbst vor Lächerlichkeiten nicht zurückschreckenden Eitelkeit. Mau kennt Hermine von Preuschen bereits unter einigen Namen. Als Mädchen nannte sie sich schlichtweg ! Hermine von Preuschen. Dann heiratete sie zum erstenmal und hätte sich kurzweg Frau Schmidt nennen können. Aber sie zog es vor, den klangvolleren Namen Hermine Schmidt von Preuschen zu führen. Geschieden, wandelte sie sich in eine Baronin von Preuschen, und wieder verheiratet, setzte sie zur Abwechslung den Namen ihres zweiten Gatten nicht vor, sondern hinter ihren Mädchennamen und nannte sich ^ Baronin von Prenschen-Telmann. Als Witwe hat sie eine . neue Namensänderung sür nötig gehalten; sie nennt sich nicht mehr schlicht Hermine, sondern klassisch Hermione von ! Prenschen, und dementsprechend zeigt sie auch in klassischer Haartracht ihr Profil eingangs der dem Andenken ihres Mannes gewidmeten Gedichte.
Dieser Band Gedichte bringt die Bestätigung, daß die eingangs erwähnte Geschichte keine Uebertreibnng ist. Hermine von Preuschen läßt es alle Welt wissen, daß sie in ihrem Totenknltus die Grenze des Geschmacks, der wahren Trauer und der gesunden Vernunft sehr bedenklich über- ^ schritten hat, und indem sie, was krankhaft erscheinen und ^ ihrem Hausarzt zu denken geben müßte, wenn er still be- ! trieben würde, mit diesem Totenknltus renommiert, — ich i finde kein milderes Wort —, beruhigt sie diejenigen, die sich sonst vielleicht über ihren Zustand beunruhigen würden.
Sie singt:
„Und einen Trost noch giebt's, ein einz'ges Glück,
^ die Totenmaske, erst vom zweiten Tag,
da blieben Bart und Brauen halb zurück, im Gips, der um die starren Züge lag.
! Gebettet Hab' ich auf dem Diwau sie
und zugedeckt wie sonst, wo nichts mehr liegt, das alte Vhronbuch ans Knie geschmiegt;
^ (auf ihm all deine Werke schriebst du sie).
Und wenn es dunkelte, schlich ich herein,
! nie liebtest du, daß Dunkel dich umschlingt,
und bat: ,Laß einmal uns im Zwielicht sein,
! Das still zum Weinen unsre Seelen zwingt/
^ ... Und wenn es dunkelt nun, schleich' ich herein
und küsse deine Maske, deine bleiche, ach, minder kalt und sühllos wie der Stein,
! den all die andern nannten deine Leiche.
Und streiche mit den Händen deinen Bart,
^ der hold umschmeichelt meine nassen Wangen,
die Brauen küss' ich wie in alter Art, als du mich lebend, liebend noch umfangen.
! Und einen Trost noch giebt's, ein einz'ges Glück!"
Und nn die Aufrichtigkeit dieses Schmerzes, an das Vorhandensein dieses Trostes soll man glauben? Wenn Hermine oder vielmehr Hermione von Preuschen sich die dichterische Freiheit nimmt, aus ein paar in der feuchten Gipsmasse hasten gebliebenen Haaren den Bart zu machen, der „hold umschmeichelt ihre nassen Wangen", kann man wohl, ohne ihr unrecht zu thun, auch annehmen, daß sie ^ ihrem Schmerz wie ihrem Trost, dein „Einz'gen", eine künstliche Fülle giebt. Uebrigens muß die Dichterin Nerven
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