164
Ueber Land und Weer.
ihm die Schweißtropfen auf die Stirn traten, und in seinen Augen lag eine wahre Todesangst.
„Herr Doktor," sagte Kläre, nun auch ganz blaß, aber bestrebt, sich eine gewisse Haltung zu geben, „Sie dürfen so was gar nicht... nein! Das ist ja eine Beleidigung gegen . . . Papa . .. und Lotte..."
Ihr war so himmelangst, daß sie ganz verzweifelt nach der Thür blickte. Gott im Himmel! Wurde sie denn nicht bald erlöst?
„Ah —!" machte Karl Wedekind nach einer Weile.
Jetzt verstand er. Und nun bewunderte Kläre, wie ruhig er plötzlich war und wie vollkommen beherrscht sein Glückwunsch klang. Ja, er lachte sogar, als er fragte: „Da Hab'ich mir Wohl beinahe Injurien zu schulden kommen lassen im ersten Schreck?"
„Aber gehörige!" Sie atmete ein bißchen auf. „Das kann ich gar nicht wiederholen, was Sie alles gesagt haben."
„Lieber Gott, ich meinte natürlich ... in künstlerischer Hinsicht. .. sein Talent... Wenn er da irgend ein Gänschen . . . oder ein armes Ding . . . aber so, das ist ja herrlich..."
Als jetzt der Konsul und Lotte eintraten, sprach Doktor Wedekind seine Freude über das frohe Ereignis so unbefangen aus, daß alle sich täuschen ließen.
Ruhig und ganz Kavalier, begleitete er sie zu ihrem Wagen, aus dem die Koffer schon angeschnallt waren, schloß den Schlag und ging, als die Pferde anzogen, in der entgegengesetzten Richtung davon.
Kläre sah ihm nach. „Mein Gott," sagte sie, „er taumelt ja. Fast als hätte er ein Glas zu viel getrunken."
„Dummes Zeug!" brummte Berghauer.
„Warum Hab' ich denn auch die Kastanien aus dem Feuer holen müssen?"
„Kastanien?"
„Ach!" — Kläre sagte nichts mehr. Aber als sie Karl Wedekind so einsam seines Weges gehen sah, kam sie ein ihr selbst unerklärliches Mitleid an.
Eine Viertelstunde später hielt der Wagen vor der Villa, und das Dienstpersonal, das im höchsten Staat an der Thür ausgepflanzt war, begrüßte die heimkehrende Herrschaft.
Kläre hatte recht gesehen. Mit seltsam schlingernden Schritten hatte Karl sich entfernt. Als der Zwang der Konvention nicht mehr wirkte, der ihm noch eine gewisse Straffheit verliehen hatte, verlor er die Herrschaft über seine Muskeln ganz. Bei jedem Schritt war's ihm, als thäte der Boden sich vor ihm auf.
Er warf sich endlich in eine der Droschken, die am Bahnhof hielten. Aber er vergaß, dem Manne seine Adresse anzugeben, und benahm sich beim Bezahlen so seltsam zerstreut, daß der biedere Rosselenker einen kränkenden Verdacht nicht unterdrücken konnte.
In der Schreiberstube kam ihm sein Bureauvorsteher, ein langer junger Mensch, höflich entgegen und erstattete ihm Bericht über einige Klienten, die inzwischen dagewesen waren. Die beiden Schreiber, magere, kleine Burschen, noch halbe Kinder, kritzelten eifrig fort.
Die Wände des einfachen Zimmers waren von
ihnen mit allerlei Holzschnitten aus Journalen beklebt, was immerhin einen gewissen rohen Schönheitssinn verriet. Bis an die Decke hinaus standen an mehreren Stellen die Pappkästen mit den Akten, Mappen und die notwendigen Handbücher.
Karl hörte mit halbem Ohr Zu, murmelte dann, schon im Weitergehen, daß er jetzt nicht gestört zu werden wünsche, und betrat endlich erleichtert sein eignes Zimmer. Die Thür schloß er hinter sich zu.
Auf dem großen eichenen Schreibtisch, der, wie die ganze Einrichtung, einfach und gediegen war, lag ein Häuflein von Briefen, die mit der Nachmittagspost während seiner Abwesenheit gekommen waren.
Er nahm sie gewohnheitsmäßig aus, so ungeheuer gleichgültig es ihm auch in dem Augenblick war, was die Leute ihm zu schreiben hatten. Aus einmal aber durchfuhr ihn eine heftige Bewegung. Huberts Handschrift! Und ganz verändert, mit zitternden, hastigen Fingern, nahm er den Brief an sich und zog sich in seine kleine Privatwohnung Zurück: Stube und Schlafzimmer, die neben den beiden Bureauräumen lagen.
Hier ans dem behaglichen Kassettensofa ansgestreckt, über dem ein Wandbrett mit Humpen und Krügen sich hinzog, las er die beiden eng beschriebenen Bogen — kaum ein Brief, eher ein Selbstbekenntnis. Kurze Sätze, sentenzenartig. Keine Ueber- schrist: „Ich habe mich gestern mit Charlotte
Berghauer verlobt. Johanna war natürlich die erste, die's erfuhr. Dir, guter Kerl, gebe ich die Nachricht mit ein paar Kommentaren.
„Ich weiß, Du tadelst mich, wenn der Ausdruck nicht noch zu milde ist. Unsre letzte Unterredung steht mir noch Wort für Wort im Gedächtnis.
„Vielleicht findest Du in meinem Entschluß sogar etwas Verbrecherisches.
„Für Dich giebt es nur eine Frage: die ethische. Und darin bist Du schon beinahe ein wunderlicher Heiliger. In der glücklichen, nur auf diesen einen Ton gestimmten Harmonie Deiner Natur vermagst Du Dich schwer in die Seele eines Menschen zu versetzen, in dem mehrere Kräfte, gleich stark oder doch ähnlich stark, um die Oberhand ringen.
„Du bist aus innerstem Beruf Rechtsanwalt. In Deiner unerschütterlichen Güte siehst Du in den Sündern nur Opfer der Gesellschaft, der Verhältnisse und ihrer eignen, mißleiteten Natur.
„Nicht um mich zu verteidigen — das brauch' ich nicht —, bloß um Dir's leichter zu machen, drüber wegzukommen, gebe ich Dir ein paar Momente an die Hand. Vielleicht absolvierst Du mich, wenn Du zu Ende gelesen hast.
„Wir alle folgen dem Gesetz der Entwicklung, wie das Samenkorn, das zum Baum wird, wie das Insekt, das in den mannigfaltigsten Lebensformen vor unserm Auge erscheint.
„Wir sind andre, wenn wir mit Behagen an unsrer Mutter Brust trinken, andre, wenn uns der Bart wächst oder wenn er wieder grau wird. Und dazwischen diese Uebergangsstufen . .. ewiger Wechsel . . . xanta Mel. Kein Mensch verlangt, daß der Jüngling noch in dem Korbbettchen Platz habe, in