Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1903) Goethe ; Theil 2
Entstehung
Seite
47
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Heerdensinn. Muth.

Goethe hatte offenbar sehr wenig Heerdensinn. Er war durch und durch Individualist und interessirte sich auch nur für das Individuum. Wie andere seiner Art hatte er wenig Respect vor Geschichte und Politik, vor Zeitgeist und öffentlicher Meinung, und vieles, das der Menge werth ist, war ihmein verworrener Quark. Ein Mann seiner Art kann sein Vaterland lieben, aber ein Hurrah-Patriot kann er nicht sein, und er kann auch nicht im patriotischen Interesse das Erste und Wichtigste sehen. Fasst man den Mangel an Heerdensinn richtig auf, so versteht man Vieles in Goethes Natur. Ob seine Eigenart zu loben oder zu tadeln sei, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, einzusehen, dass sie organisch bewirkt war. Schliess­lich wird Der, der ähnlich organisirt ist, Goethen ver­stehen und ihm gleich fühlen, dieNormalen aber werden immer unzufrieden sein.

Natürlich wäre es ein grobes Missverständniss, wollte man in viel Attachement und wenig Heerden­sinn einen Widerspruch sehen. Gerade die Beschränkung auf intime Kreise stimmt mit der Abneigung gegen Anschluss an die Menge zusammen.

Muth. Ueber den Muth eines Menschen ist schwer zu urtheilen. Muth im Sinne von Raufsinn hat Goethe sehr wenig; sieht man von einigen Muth­willigkeiten der Jugend ab, so erscheint er durchaus als ein Mann des Friedens, als eine irenische, oder, wie er sich ausdrückt, conciliante Natur. Wenigstens gilt das von seiner Stellung im Leben. In der Litera­tur verurtheilte er zwar theoretisch die Polemik, doch