Das Geistige.
Eins konnte Goethe: er konnte schweigen, in geradezu unheimlicher Weise schweigen. Von all dem Jammer seines Hauses z. B. schweigt er in Tagebüchern und Briefen. Kaum dass da oder dort eine kleine Andeutung zum Vorscheine kommt. Er sagt nichts Falsches, er geht stumm über das Schlimme weg und lobt, wo er irgend loben kann. Nie klagt er über seinen Sohn, über die Wirrnisse in dessen Ehe; nur ein paarmal glaubt man im Tagebuche ein Stöhnen zu hören(z. B. unter 2. 4. 1827:„ich schloss mich ein“. Er weiss alles und schweigt. So mag er in vielen Beziehungen gehandelt haben.
Im Anschlusse hieran kann man wohl die hypochondrische Neigung Goethes erwähnen. Nicht dass er sich Krankheiten eingebildet hätte, aber er beschäftigte sich doch recht viel mit seiner Gesundheit, nahm alle Störungen wichtig und curirte gern.
Religion oder Sinn für Verehrung. In dem hier gemeinten Sinne war Goethe durchaus ein religiöser Mensch. Er selbst hat sehr gut zum Canzler gesagt (am 28. März 1819):„Zuversicht und Ergebung sind die ersten Grundlagen jeder besseren Religion, und die Unterordnung unter einen höheren, die Ereignisse ordnenden Willen, den wir nicht begreifen, eben weil er höher als unsere Vernunft und unser Verstand ist.“ Die Verehrung des Unerforschlichen und die feste Zuversicht auf eine geistige Leitung der Dinge haben
schaft, eine Art Dunckelheit und Zaudern bey mir entdecken werden.“(An Schiller, 27. 8. 1794).
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