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INN LH
Verehrung. Neigung zum Wunderbaren.
ihn nie verlassen. Wie hoch er von der Ehrfurcht dachte, das sieht man aus seinen Wanderjahren. Dass er sich keiner positiven Religion angeschlossen hat, ist richtig, er konnte es einfach nicht, weil er ein klarer Kopf war. Aber gerade dann, wenn die Urtheilskraft die überkommenen Formen zerstört hat, zeigt es sich, ob ein Mensch Trieb zur Religion hat, und nur Der, der das von den Thörichten im Lande viel verspottete Organ der Religion hat, wird in der Verneinung doch seinen Geist fromm zum Unerforschlichen richten, wie es Goethe gethan hat.
Ein Nebentrieb ist die Neigung zum Wunderbaren, Geheimnissvollen. Auch sie war bei Goethe in beträchtlichem Maasse entwickelt, und zwar in verschiedenem Sinne. Das Räthselhafte zog ihn an, und es scheint, dass er sich manchmal mit Gewalt davon zurückgehalten habe, in das lockende Dunkel einzutreten. Wahrscheinlich hat er auch Eigenschaften gehabt, die man gewöhnlich als mediumistische bezeichnet: Ahnungen, Fernwirkungen und anderes birgt dies Gebiet. An etwas„Uebernatürliches“(alberner Ausdruck!) wird er nicht geglaubt haben, er wusste aber, dass es Zusammenhänge giebt, von denen wir nicht viel wissen, und er war weit entfernt von der Plattheit der dünkelhaften Gesellen, die alles verstehen.
Sodann hatte Goethe eine eigenthümliche Neigung zum Geheimniss-Machen, zu räthselhaften Ausdrücken und Wendungen, zu Verhüllungen, Verkleidungen, Mystificationen, eine Neigung, die sein Leben lang anhielt und offenbar in seiner Organisation begründet war.