Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1903) Goethe ; Theil 2
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen

Abstractes Denken. Urtheilskraft.

Auch der Sinn für abstractes Denken war bei Goethe nicht gross. Er flüchtete sich immer zum An­schaulichen, und wenn er einmal auf abstracte Er­örterungen einging, so war er dabei nicht gerade glück­lich. Dass er desshalb kein Talent zum Philosophen gehabt habe, ist nicht richtig; er war vielmehr ein besserer Philosoph als Viele, die so heissen. Immer­hin ist hier eine Schranke seines Wesens gegeben.

Urtheilskraft. Da man doch einen Namen haben muss, wähle ich den der Urtheilskraft für die eigent­lichen intellectuellen Fähigkeiten, und ich lasse es da­hingestellt sein, inwieweit Unterabtheilungen berechtigt sein möchten. Urtheilen heisst verbinden und trennen nach Aehnlichkeit auf Grund von Beobachtungen. Wie schon bei Besprechung der Stirn gesagt wurde, ist die Grösse der Urtheilskraft Goethes grösster Vor­zug. Zusammen mit dem ausserordentlichen Thätig­keittriebe ist sie das eigentliche Merkmal des prac­tischen und wissenschaftlichen Goethe, und diese Eigenart zusammen mit dem Dichtergeiste macht den Dichter Goethe.

Das Beobachten von Natur und Menschen war von Anfang an Goethes Freude. Dass er später seine Neigung bestimmten Naturgegenständen(Steinen, Knochen, Pflanzen, Farben) zuwandte, das hing wohl von den äusseren Umständen ab. Hätte er nicht treu und sorgfältig das menschliche Wesen beobachtet, so hätte er nicht die Fülle naturwahrer Gestalten vor uns hinstellen können, die uns in seinen Werken er­freuen. Bemerkenswerth ist auch sein Interesse für