Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1903) Goethe ; Theil 2
Entstehung
Seite
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Das Geistige,

Physiognomik und die freundliche Theilnahme, die er Gall entgegenbrachte. War nun Goethe das, was man einen Menschenkenner nennt? Man wird die Frage mit Recht bejahen, und doch ist dabei einiges, das man schwer versteht. Oft scheint Goethe Personen zu überschätzen. Die Art und Weise z. B., wie er den Kunst-Meyer herausstreicht, erweckt gerechtes Be­fremden. Doch blieb er sich da wenigstens gleich. In seinem Verhältnisse zu Lavater aber wird maass­lose Ueberschätzung von ungerechter Missachtung ab­gelöst. Als er den Herzog in die Schweiz führt, ist Lavater der Glanzpunct der Reise, und einige Jahre später ist aus dem herrlichsten Menschen ein Betrüger geworden. Ich gestehe, dass hier mein Verständniss aufhört. Begreiflicher sind Fehlgriffe dem anderen Ge­schlechte gegenüber. Wenn Goethe die Stein so lange unrichtig beurtheilte, so wollte er im Grunde den Schein und stellte unwillkürlich sein Phantasiebild an die Stelle der klugen Coquette.

Goethes Ortsinn war, soweit wie man es beurtheilen kann, gut entwickelt.

Dass es einen besonderen Ordnungsinn gebe, dafür kann gerade Goethe als Beleg dienen. Es handelt sich da offenbar um ein Erbtheil vom Vater, um einen Hang, der mit den Jahren immer deutlicher hervortrat. Die Liebe zur Ordnung zeigte sich im Kleinen und Aeusserlichen, er duldete nicht, dass ein Buch schief lag; sie spielte im Leben eine wichtige Rolle, denn er hat einen beträchtlichen Theil seiner Zeit auf das Ordnen von Sammlungen und Papieren(Actenhefte