Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1903) Goethe ; Theil 2
Entstehung
Seite
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Mimik. Dichtersinn. Sprachengabe.

bei jeder Gelegenheit!) gewendet; sie beherrschte ihn in einem höheren Sinne, sodass er lieber Ungerechtig­keit als Unordnung haben wollte.

Von den Talenten im gewöhnlichen Sinne des Wortes war das mimische Talent offenbar ziemlich stark. Als Theaterdichter, als Schauspieler, als Vor­leser, als Theaterdirector und als Regisseur hat sich Goethe der Mimik gewidmet. Das Nähere ist be­kannt.

Ueber Goethes Dichtersinn viel Worte zu machen, ist nicht angebracht. Nur das will ich betonen, dass zwei Thätigkeiten im Dichter vereinigt sind: das Er­dichten oder die dichterische Phantasie, die Personen, Handlungen, Bilder hervorbringt, und das Vermögen, durch die Art der Wortfügung starke Gefühle zu er­wecken. So reich Goethes dichterische Phantasie war, noch grösser scheint mir der Zauber seiner Sprache zu sein. In der Süssigkeit, die manche einfache Verse Goethes haben, steckt etwas, das der Verstand nicht auflösen kann. Der Dichter ist immer auch ein Sprach­kundiger, denn die Sprache ist sein Handwerk. Sie ist durch dichterische Thätigkeit entwickelt worden, und der Dichter selbst bildet sie weiter. So muss es Beziehungen zwischen dem poetischen und dem philo­logischen Talente geben, und doch sind beide ge­trennt, denn die Sprachengabe kommt auch ganz un­poetischen Leuten zu. Mag das Tiefere im Dunkeln bleiben, auf jeden Fall sind die Menschen sehr ver­schieden in ihrem Verhalten zu fremden Sprachen: Der Eine lernt leicht und interessirt sich für alles