Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1903) Goethe ; Theil 2
Entstehung
Seite
248
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Anmerkungen zuGoethe und Gall,

stanz, hält sie für ein Ganglion des Nervenmarks(Nervenfibern nach ihm), und beweiset durch alles diess eben so sehr seine Unkunde, als seine Dreistigkeit, die lächerlichsten Dinge Ana­tomen über solche Gegenstände vorzutragen, in denen er billig selbst erst Unterricht nehmen sollte. Eben so wenig gilt, was Gall von anderen Theilen des Gehirns behauptet, wenn er sie Ganglien nennt, da sie durchaus nichts von deren Struktur haben, oder wenn er grosse Gehirntheile Nerven nennt. Diess ist nicht bloss gegen den Sprachgebrauch, sondern verwirrt alle Begriffe; und beynahe möchte man glauben, dass diess Galls Absicht ge­wesen. Denn die vom Gehirn und Rückenmark abtretenden Körper, welche wir Nerven nennen, sind durch ihre fadige Be­schaffenheit und die die Fäden umwickelnde Gefässhaut, sowie durch ihre allgemeine Hülle, so deutlich von allen übrigen Theilen der Körper unterschieden, dass jeder Anfänger sie er­kennen muss. Ackermann wundert sich, dass Gall die Riech­und Sehnerven als vom Rückenmark austretend betrachtet; allein er folgte nur Willis(cerebri anatome Cap. 13), der deutlich sagt: nervi optici et olfactorii longo ductu et ambagibus cerebri super­ficiem perreptant, ut infra hanc partem medullae oblongatae in­serantur. Zurücktretende Nerven hatte Willis auch schon, und Galls ganze Theorie, so falsch sie ist, konnte ihm keine Mühe machen, da er alles bey jenem vorfand. Sehr gut urtheilt Acker­mann von der irrigen Vorstellung, als ob von den doppelten Organen eines zur Reserve da wäre; was Gall sogar von den Augen zu behaupten wagt. Das gewählte Beyspiel, dass man, wenn man einen Gegenstand mit beiden Augen betrachtet, und vor das eine Auge ein rothes, vor das andere ein blaues Glas hält, den Gegenstand weder roth noch blau, sondern grün er­blickt, weil beide Farben darin zusammenschmelzen, zeigt den Ungrund davon deutlich genug. Die Commissuren der Hirn­theile waren längst bekannt. Dass die Fasern der Pyramidal­körper sich im Hirnknoten kreuzen, hat Rec. nie gesehen, und begreift auch nicht, wie die übrigens deutlichen und längst be­kannten Querstreifen im Hirnknoten als zurückgehende Nerven angesehen werden können. Das Gehirn endlich als einen Fort­satz des Rückenmarks, oder als einen von ihm gebildeten Theil betrachten zu wollen, heisst, eine alte aus guten Gründen lange verworfene Meinung aus blosser Liebe zu Paradoxien auffrischen.

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