Anmerkungen zu„Goethe und Gall“.
ist. Bey sehr vielen Schädeln treten individuelle Verschiedenheiten ein und man trifft die grössten Abweichungen der Tafeln an einzelnen Stellen der Schädelknochen, und in der Form des Schädels, wie jeder Anatom wissen muss. Viele Veränderungen sind krankhaft, z. B. bey der Rhachitis, bey der Lustseuche; und auch diese Beyspiele können Keinem unbekannt seyn, da sie so äusserst häufig vorkommen. Bey den Thierschädeln ist der gerühmte Parallelismus noch viel weniger anzunehmen; und häufig ist nicht Eine Stelle äusserlich am Schädel, besonders vorne und oben, von der man auf die innere Tafel schliessen kann. Es ist daher äusserst auffallend, wie Gall den ganzen Schädel als vom Gehirn gebildet, annehmen kann, und noch mehr, dass er das Gehirn bis in das späteste Alter die Gestalt der Schädelknochen bestimmen lässt. Es zeigt offenbar, dass er entweder die Osteogenie wenig studirt hat, oder sein besseres Wissen, der Hypothese zu gefallen, gefangen nimmt. Die Knochen machen ein eigenes System aus, das sich, eigenen Gesetzen gemäss, allmählich formt und umbildet; und es ist die grösste Einseitigkeit, wenn Gall alle anderen Knochen übersieht, die sich mit dem Schädel gleichzeitig verändern. Hätte er nur diesen einen Punkt ins Auge gefasst, so würde er unmöglich die Veränderungen des Schädels vom Gehirn abgeleitet haben, oder er würde gezwungen worden seyn, die Bildung der Skelete vom Gehirn abzuleiten.— Wenn Gall einen Fall gesehen hat, wo die Schädelknochen einer alten Person dicker wie gewöhnlich waren, so ist dieser einzig, wofern nicht vom Umfang der Stirnhöhlen die Rede ist; denn noch sah Rec. beständig, wie Sömmering und alle übrigen Anatomen, dass die Schädelknochen im Alter dünner wurden; und auf dieselbe Art nehmen alle übrigen Knochen ab. Eben so wenig werden die Schädel wahnsinniger Personen beständig dicker gefunden; häufig sind sie ganz wie gewöhnlich, häufig sogar dünner. Auch diese Fälle sind allen Zergliederern bekannt. Von acht Selbstmördern hat Ackermann die Schädel untersucht, und bey keinem Galls Behauptung, dass sie dicker seyen, bestätigt gefunden. Offenbar liegt der Hauptfehler darin, dass Gall, wenn ihm widernatürlich dicke und feste Schädel vorkamen, von diesen wenigen Beyspielen allgemeine Schlüsse abzog. Allein hätte er auch noch so viele Beyspiele, so beweisen sie doch alle nichts, weil er die Untersuchung des übrigen Skelets dabey ver