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aͤnderung alsbald auch hierher kam und bei dem angebornen geſunden Blicke des Norddeutſchen auch hier den Wunſch erzeugte, enthoben zu werden der Werkthaͤtelei, dem uͤbertriebenen Cere— moniendienſte, dem unheimlichen Moͤnchs- und Pfaffenthume, der nur zu ſehr nach Heidenthum ſchmeckenden Anbetung der Jungfrau Maria und ſo vieler Heiligen, und auch im Reiche der Religionserkenntniß frei ſich bewegen und frei athmen zu dürfen?
Indeſſen ſo freudig auch die Herzen der Bewohner Brandenburgs der neuen Morgenroͤthe entgegenſchlagen mochten— die Verhaͤltniſſe von oben her truͤbten ihnen den Himmel, druͤckten die ſchwellende Bruſt nieder: der Kurfuͤrſt Joachim J. war ein Gegner der Neformation. Theils war er ſtreng in der ka— tholiſchen Kirche aufgezogen worden, theils umgaben ihn aͤcht orthodoxgeſinnte Raͤthe, wie der bekannte Wimpina, Kanzler der Univerſitſaͤt in Frankfurt a. d. O., und er war ſchwach genug, ſich von ihnen leiten zu laſſen; theils war der Erzbiſchof von Mainz und Magdeburg, eben der, welcher den Ablaßkram in Sachſen angeordnet und Tezeln angeſtellt hatte und bei der neuen Ordnung der Dinge ſeine hohen Wuͤrden zu verlieren be— fuͤrchten mußte, ſein Bruder; theils endlich fuͤrchtete er den Kaiſer. Da mußten freilich die Wuͤnſche der Unterthanen ſchweigen. Galten doch dem Kurfuͤrſten alle jene Verhaͤltniſſe mehr, als ſelbſt das Band feiner Ehe mit der aufgeklaͤrten und frommen Eliſabeth: er ſtieß ſie von ſich, als er merkte, ſie huldige der neuen Lehre; fie mußte flüchten und fand erſt im nachbar— lichen Sachſenlande eine ruhige, ſichere Stätte(i). Auch an ſcharfen Verordnungen ließ er es nicht mangeln: ſo verbot er z. B. 1526 den Einwohnern Brandenburgs und anderer Staͤdte im Havellande unter Androhung ſchwerer Strafe, Deutſche Lieder, Geſaͤnge und Pſalmen, die von Luther und deſſen Anhange in Wittenberg gemacht waͤren, als neu und ketzeriſch zu ſingen oder zu leſen(). So ſchrecklichen Zwang uͤbte er uͤber die Herzen und
1 Bekanntlich ward ihr das Schloß Lichtenburg(nicht Lichtenberg, wie es in einigen Büchern genannt wird) bei Prettin zum Wohnſitze angewieſen.
2) S. Dilſchmanns Geſchichte der Stadt Spandau S. 310.