Druckschrift 
Geschichte der Kur- und Hauptstadt Brandenburg von den frühesten bis auf die neuesten Zeiten : Mit Benutzung des Stadt- und Stiftsarchives und anderer gedruckter und ungedruckter Urkunden / Von M. W. Heffter, Königl. Professor und Prorector am Gymnasio zu Brandenburg ...
Entstehung
Seite
300
Einzelbild herunterladen

+) 300

Gemuͤther: feine Unterthanen ſollten die Deutſche Bruſt nicht

einmal an Deutſchen Geſaͤngen weiden und erwärmen duͤrfen.

Es iſt immer ein trauriges Verhaͤltniß, wenn der Herrſcher mit

ſeinen Untergebenen in Conflict geraͤth; wenn dieſe das Wahre,

das Beſſere erkennen, und jener verkennt's; wenn dieſe das

heftigſte Verlangen nach dem Hoͤhern tragen, und jener ſucht es

auf jede, ſelbſt auf gewaltſame Weiſe zu erſticken. Hier aber

war das Mißverhaͤltniß doppelt traurig: hier galt es die wich:

tigſte Angelegenheit des menſchlichen Herzens, die Religion, die

Freiheit des religioͤſen Glaubens und Gewiſſens. Wenn dennoch

die Maͤrker ſtill hielten und feſt in der Treue zu ihrem Herrn

beharrten, ſo kann es ihnen nur zum Ruhme gereichen. Joachim

hatte nämlich auch viele gute Seiten; fie wollten ihn, den Herrn,

nicht kraͤnken und konnten freilich immer ein truͤbſeliges Hof­

fen! von dem Nachfolger eine Anderung erwarten. Dieſer

verlaͤugnete nämlich nicht fein kindliches Herz: er gab der Mut

ter im Stillen Recht; er ließ ſelbſt manches Wort verlauten,

das der Reformation der Kirche guͤnſtig ſchien. Als das die

kurfuͤrſtlichen Raͤthe merkten, druͤckten fie, beſonders da fie 5

einen baldigen Regierungswechſel erwarten konnten, nicht ſelten

ein Auge zu, wenn hier und da die proteſtantiſche Geſinnung

der Maͤrker aufblitzte, wenn z. B. Prediger angeſtellt wurden,

die der neuen Lehre huldigten. Denn trotz ſeiner gewaltigen Strenge hatte der Kurfuͤrſt nicht 5

die Verbreitung von Luthers Ideen in ſeinen Marken hindern.

koͤnnen. Man hielt auch hier ſich für enttaͤuſcht, die ſogenannten

Wunder(z. B. das Wilsnacker Wunderblut) der katholiſchen

Kirche fuͤr Trug, die Legenden fuͤr Maͤhrchen, die meiſten Geiſt

lichen fuͤr Betruͤger, die meiſten Ceremonien fuͤr Alfanzereien.

Dazu kam der traurige ſittlich geſunkene, wiſſenſchaftlich- unge­

bildete Zuſtand der Pfaffen, welcher nicht Hoch-, ſondern die

größte Verachtung einfloͤßte(*). Die Folge davon war, daß der

) Man leſe nur die Schilderung der damaligen Maͤrkiſchen Geiſtlich­keit in Melanchthons Briefe bei Schmidt üb, d. Brandenb. Refor mationsgeſch. S. 175. Nach ſolchen factiſchen Beweiſen von der Nothwendigkeit der Reformation wollen die Katholiken ſolche

noch immer als ein Werk des Teufels darſtellen?