Glück. Sie begleiten nicht nur das Hochzeitsfest zweier sich vereinigender Menschen, nicht nur den Stapellauf eines neuerbauten Schiffes, sondern sie erscheinen in ihrer sinnvollen Bedeutung eben auch beim Richtefest eines neuerstandenen Gebäudes.
Nun aber gab es dieser Tage in unserer Prignitz ein ganz anderes und recht eigenartiges Richtefest. Es fiel sehr aus dem Rahmen des üblichen, und doch wurzelte auch diese zum Glück seltene Form tief in altem Brauchtum des Zimmerergewerkes und in der Tradition der Bauhandwerker.
Da hatte die Urgewalt eines Orkans, wie er in unseren Breiten zum Glück selten ist, das hohe Dach vom Turm eines Dorfkirchleins unserer Heimat gestürzt. Zerschmettert lag das Gebälk und alles, was an ihm einst Kunst- und Sinnvolles von Menschenhand gefertigt worden war, unten zwischen den Grabkreuzen. Betrübt .schauten die Dorfbewohner darauf, und sie. die sonst nicht sonderlich acht auf das Wahrzeichen ihres Dörfleins gegeben hatten, weil es eben so selbstverständlich zum altgewohnten Dorfbilde gehörte, merkten bald und täglich mehr, daß ihnen nun doch etwas fehle, und der Wunsch wurde dringlicher, daß über ihre Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude bald wieder das Türmlein sein Haupt recke, auf daß von ihm wieder die Glockenstimme den Sonntag, die frohen und die ernsten Stunden des menschlichen Lebens recht verkünden könne. Nun ist es aber heute nicht ganz leicht, unsere Wälder zu bewegen, ein paar Festmeter Holz für die Behebung solcher Schäden herzugeben. Doch die beauftragten Männer waren zähe, und endlich nach einem langen, zeitraubenden Weg durch alle vor- und nicht vorstellbaren Instanzen war es gelungen, die Scheine und sogar das nach der Planung des Baumeisters erforderliche Holz zu erlangen. Ein Sägewerk schnitt aus diesem die Balken und Sparren, die Latten und Bretter, die Zimmerleute sägten und stemmten und richteten zu, und nun war der große Tag da! Da aber hatte es die Laune des Zufalls oder irgend ein dummes Geschick gefügt, daß die Nachricht von dem bevorstehenden Richtefest nicht rechtzeitig beim Dorfältesten eintraf, und so war, als an dem festgesetzten Tage die Zimmerleute frühmorgens mit Lastauto und Holz an der Baustelle eintrafen, keine maßgebliche und den „Bauherrn“ repräsentierende Person des Dorfes zur Stelle. Als sie erfuhren, daß der Dorfälteste schon ganz in der Frühe zur Stadt gefahren sei, gingen unsere Zimmerer ohne viel Versäumnis und selbständig ans Werk. Es würde im Laufe des Tages schon jemand kommen! Die Balken reisten in die luftige Höhe, da oben klopfte utld hämmerte es, die Menschen, die vonbeigingen, blieben stehen und schauten dem Werken zu — aber eine maßgebliche, amtliche Person erschien nicht! Am Vormittag nicht, und auch am Nachmittag nicht. Und als gegen Abend das Turmdach fertig gerichtet war, hatte sich noch immer keiner sehen lassen. Da schickte der Polier zum Haus des Aeltesten und ließ dort um einen Besen bitten. In Vertretung ihres noch immer abwesenden Mannes und
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