„Sammler-Gemeinschaften“ auch in die Schablone „08-15“ hineinzupressen versuchte, das versteht sich eigentlich von selbst. Wenn die Wittenberger Gemeinschaft trotzdem unbeirrt ihren eigenen Idealen nachging und für eine Verbreiterung der philatelistischen Arbeit sorgte, so mag ihr das noch heute hoch angerechnet werden. Hatten aber schon die bunten Reklamemarken der Nazi-Ideologie manchen Unbefangenen in ihren Bann gezogen, so sorgte die Vielzahl der mehr oder weniger provisorischen deutschen Briefmarken in den ersten Wirren der Zeit nach dem Zusammenbruch noch mehr für das Anwachsen der Sammlerzahl. Aber es waren gar viele darunter, die sich nicht etwa aus Liebe zur Sache, sondern aus rein spekulativen Erwägungen heraus der Philatelie verschrieben, um früher oder später wieder abzufallen.
Man kann aber geruhig die Mehrzahl der 33 Freunde der Briefmarke, die sich am 26. März des Jahres 1948 — es war der Karfreitag — in der Gaststätte „Zur Eiche“ in Wittenberge zusammenfanden, als die wirklich „Unentwegten“ bezeichnen, denn sie setzten ihren Wunsch, wieder in einer Gemeinschaft ihren Idealen nachgehen zu können, an diesem Tage durch die Gründung des „Briefmarkensammler-Vereins Wittenberge“ in die Tat um. Nicht nur erfahrene Sammler waren es, die schon den früheren Vereinen angehört hatten, sondern auch Anfänger der Philatelie, dazu aus allen Berufsschichten und Altersgruppen. Aber es gab zunächst noch allerlei Schwierigkeiten zu überwinden, die den Zeitläuften entsprangen. So war es z. B. ein Problem, die richtigen Männer für eine zielbewußte und zeitgemäße Leitung zu finden, denn diejenigen, die wohl fachlich solche Funktionen hätten übernehmen können, waren durch Krankheit, politische Belastung und andere Umstände daran behindert. So blieb die Leitung zunächst irgendwie provisorisch, wechselte wiederholt, und es haperte noch hier und dort. Dieser und jener zog sich wieder zurück, sei es, weil sich ihm die Liebe zur Briefmarke als Strohfeuer erwies oder weil sich seine Spekulationsabsichten eben als Fehlspekulationen zeigten. Eine feste Linie bekam die Sache mit dem Verein erst, als im November 1948 die Freunde Zacher, Mertens, Tesch und Friedrich die Leitung übernahmen und sich Freund Strauß bereiterklärte, die Jugendgruppe anzuleiten. Aber die begonnene, zielstrebige Arbeit erlitt noch einmal einen Rückschlag, als die damalige Deutsche Wirtschaftskommission, das höchste Organ der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, das Weiterbestehen der Philatelistenvereine nicht mehr gestattete. Gleichzeitig wurde dem Kulturbund empfohlen, den Ausbau der Arbeitsgemeinschaft Philatelie zu verstärken. Da eine geschlossene Übernahme des Vereins als solchem in den Kulturbund nicht möglich war, beschloß die Mitgliederversammlung am 17. Mai 1949 die offizielle Auflösung des Vereins. Die bisherigen Mitglieder aber standen dem Einzeleintritt in den Kulturbund sehr skeptisch gegenüber. Es wurden Zusammenkünfte und Besprechungen der Sammler
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