Heft 
(1892) 70
Seite
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Kunst- und Literaturgeschichte.

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Professor Hewett hat in der vorliegenden Ausgabe eine sehr brauchbare Arbeit geliefert. Er gibt, was zu verlangen war, praktisch, genügend aber kurz, und aus vollkommener Kenntniß der deutschen Sprache und Literatur. Das Buch ist ein neuer Beweis sür den Fortschritt des Studiums, das Goethe in Amerika gewidmet wird, und zwar mehr von dem englisch redenden Theile der Bevölkerung als von den vielen Millionen Derer, deren Muttersprache deutsch ist. Es scheint, daß diese Letzteren an der großen. Goethe sich zuwendenden geistigen Bewegung nicht den gleichen Antheil nehmen. Vielleicht aber ist unsere Unwissenheit an diesem Urtheil schuld, und es sollte uns freuen, wenn uns eine Berichtigung zu Theil würde.

7. Das Genie. Vortrag, gehalten im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins in Wien von Franz Brentano. Leipzig, Verlag von Duncker L Humblot. 1892.

Genie war vor hundert Jahren das große Wort in Deutschland. Nur aus­erwählten Geistern war das Genie eigen. Von ihnen wurde Alles erwartet, ihnen war Alles erlaubt. Heute muß man dem Publikum schon zu Hülse kommen, wenn es sich unter Genie etwas denken soll. Und so sehen wir den vornehmsten Vertreter der Philosophie an der Wiener Universität dem Wiener Publicum gegenüber das Amt eines Erklärers übernehmen.

Franz Brentano will das Genie nicht als Etwas gelten lassen, das nicht jedem Menschen eigen sein könnte. Er erklärt es nicht als eine specifische Kraft an sich, sondern als im höchsten Grade gesteigerte ästhetische Empfindlichkeit. Wir stimmen hierin mit ihm überein: Genies bleiben immer Menschen, und jeder Mensch könnte unter Umständen leisten was sie leisten, ohne daß er genöthigt wäre, seine Mensch­heit abzulegen. Dies also nehmen wir an und fühlen uns auch darin mit Brentano einverstanden, daß wir dieses Verhältniß nicht als ein unsere Verehrung vor dem Genie beeinträchtigendes ansehen. Im Gegentheil: je mehr wir fühlen, was der Genius als Unsereiner leistet, um so deutlicher empfinden wir, wie weit er uns über und wir ihm unter seien.

Eins aber erklärt Brentano's Erklärung doch nicht: wie bei genialischer Production aus den verschiedensten Eindrücken etwas Neues, absolut Eigenthümliches, mit gleichsam selbständigem Leben Begabtes entstehe, das, unabhängig von seinem Producenten, ein eigenes Dasein beginnt. Mögen wir Hamlet's Person z. B. in allen Einzelnheiten auf Eindrücke zurückführen, welche Shakespeare empfing und verarbeitete, so daß sie nur ein Collectivbegriff mannigfaltiger chemisch nachweisbarer Gedanken und Gefühle wäre, die jeder andere Mensch auch hätte empfangen können und die nur bei Shakespeares außerordentlicher ästhetischer Empfindlichkeit gerade ihm in so großer Fülle und Leb­haftigkeit zuströmten, daß er allein die Tragödie zu produciren im Stande war: wie geschah es, daß Hamlet sich so weit von Shakespeare ablöste, daß er gleichsam als Wesen für sich weiter existirt? Diese Eigenschaft, ein lebendes Dasein für sich Zu führen, theilt Hamlet mit anderen Gestalten, welche von Dichtern, Malern und Bild­hauern ersten Ranges, und zwar nur von diesen hervorgebracht worden sind, und sie wird immer etwas behalten, das der Erklärungsversuche spottet. Wollte Franz Brentano diese Eigenschaft überhaupt in Abrede stellen und Hamlells Person für Etwas nehmen, das nur scheinbar eine derartige eigene Existenz führe, in Wahrheit aber ein bloßes Conglomerat von Worten sei, das zusammenzubringen bei gehöriger ästhetischer Empfindlichkeit jedem Menschen gelingen müsse, so könnten wir ihm zwar nicht das Gegentheil beweisen, würden aber auf gut Glück behaupten, daß viele Menschen unsere Meinung theilen, und in der schöpferischen Kraft Shakespeares, Goethes und anderer Genies eine positive Gabe bewundern und verehren werden, die nur wenigen Sterb­lichen verliehen wird.

Deutsche Rundschau. XVIII, 4.

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