Heft 
(1892) 70
Seite
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Deutsche Rundschau.

Schnee und Regen gehüllt. Tage vergingen, ohne daß wir unsere Hütte ver­ließen. Endlich zog dauernd der Frühling ein; die täglich leuchtende freundliche Sonne erwärmte unfern Felsen und lockte uns wieder ins Freie. Wie die Tage länger wurden und die Strahlen senkrecht aufs Gestein fielen, wie sie die Blumenpracht nach und nach vergilbten und versengten, und die Aehren im Thale reisten, war auch schon der Sommer da. Die Nachbarn holten ihre Ernte ein und lagerten sie in hohen Haufen jenseits der Schlucht. Eines Nachmittags ist die Luft verdunkelt, Heuschrecken bedecken uns wie eine Wolke die Felder werden verbrannt, um der Plage zu steuern, der nackte Stein tritt überall zu Tage. Bis Sonnenuntergang bin ich ins Haus verbannt, wo es kühl und dunkel ist. Nur in der Dämmerung gehen wir hinaus auf den Weg zwischen den schwarzen Stoppelfeldern. Die Nächte sind lauwarm, der Himmel blau wie am Tage, im Schein der unzähligen Sterne.

Unsere Araberfreunde tragen Riesenhüte, die Reiter und Pferd bedecken. Die Beduinen, die früh am Hause hocken, wechseln ihren Platz je nach dem Schatten, und ohne Ende sind die Bitten um einen Trunk Wasser. Ich sehe in der Erinnerung ein reizendes Kind, die Amphore auf dem Kopfe zur Quelle steigen, es ist mit dem alten todtkranken Großvater von weither gekommen, er liegt bewußtlos in einer Felshöhle. Das Kind weiß weder Namen noch Wohnort. Eines Tages find sie verschwunden, Niemand weiß wohin.

DieHexe von Endor", Esau und die Enakssöhne kommen seltener, die Sonne hält alle Welt in der Wohnung zurück.

September! die letzten Grashalme find verschwunden, die ersten Regen­schauer fallen. Wir denken an die Rückreise.

An einem frischen Morgen reite ich auf dem Esel Abd-es-Selam's den Berg hinab, der Knabe folgt, und unter den Oliven von Elles wartet der Wagen. Während das Kind in die Berge zurückkehrt und von der Höhe Grüße winkt, steigen wir auf und rollen der Ebene zu.

Eine Nacht unter dem Zelt am Flusse Tessäa. Beduinenweiber haben es uns ausgeschlagen und Decken darunter gebreitet. Wir liegen die ganze Nacht wach in der Einsamkeit. Die Ebene verschwimmt im Nebel Wie ein Meer, Lichter glänzen von fernen Zeltlagern herüber wie Leuchtfeuer. Unzählige Mos­kitos schwimmen in der Nachtluft, ein Gewitter zieht auf, und Windstöße blähen die kameelshaarenen Zeltwände. Dann eiliger Aufbruch bei der Morgenröthe, die Fahrt bei Sonnengluth bis nach Kef und weiter nach Souk-el-Arba zu. Beim Oued Mellegue, den ich vor einem Jahr mit so viel Erwartungen über­schritt, ließ ich den Wagen halten und pflückte'eine Oleanderblüthe, zum An­denken an das Jahr in den Bergen.